English Deutsch Impressum
Home Druckversion

01.07.06

menschenrechte

Medizinische Abriegelung

A

nfang Mai warnten Hilfsorganisationen, der Gaza-Streifen befinde sich am Rande einer humanitären Katastrophe. Das Gesundheits- und Wohlfahrtssystem sei im Zusammenbruch begriffen. Internationale Hilfsfonds waren seit dem Wahlsieg der Hamas im Januar eingefroren. Auf Eis lagen auch die Gelder, die Israel für die Palästinensische Autonomiebehörde, PA, beitreibt, wie Einfuhrzölle und die Einkommenssteuer der in Israel arbeitenden Palästinenser; nach den Bestimmungen der Osloer Verträge ist Israel verpflichtet, diese an die PA weiterleiten – doch es weigert sich. Dies erinnerte an ein Statement von Dov Weinglass, einem ehemaligen Berater von Ariel Sharon: Als Folge des Sieges der Hamas, so sagte er, würden die Palästinenser auf Diät gehen müssen. Gleichermaßen ernüchternd waren die Worte des neuen Premierministers Ehud Olmert vom 20. Juni 2006, als Qassam-Raketen auf die israelische Stadt Sderot fielen und die israelische Luftwaffe Gaza beschoss: „Die Leben der Leute von Sderot sind wichtiger als die der Leute in Gaza.“

Al-Shifa ist das Zentralkrankenhaus des Gazastreifens. Wenn sich die Regale leeren, sind die teuren Medikamente, wie etwa Chemotherapeutika und Anästhetika, die ersten, die nicht mehr ersetzt werden. In den letzten Maitagen war sogar das Antibiotikum Erythromycin verschwunden. Ist die Zeit zum Auffüllen gekommen und das Budget geschrumpft, muss die Krankenhausverwaltung rechnen. Für den Preis eines teuren Medikaments kann sie zehn billige kaufen. Drei Dialyse-Behandlungen pro Woche sind das Minimum, doch sie werden auf zwei herabgesetzt. Nicht alle überleben diese Umstellung. Im April und Mai sind vier gestorben.

Ich habe Shabtai Gold, den Sprecher der ‚Ärzte für Menschenrechte in Israel’ (PHRI) gefragt, ab welchem Punkt die Lage in Gaza als humanitäre Katastrophe bezeichnet werden kann. Gold ist den Zynismus der internationalen Gemeinschaft gewöhnt: „Gaza lebt im Grunde von Spenden. Die Vereinigten Staaten und Europa werden keine „humanitäre Katastrophe“ stattfinden lassen. Es ist nicht gut für sie, wenn sich herumspricht, dass Leute verhungern oder aufgrund fehlender Medikamente sterben. Dies stünde in Widerspruch zu ihrem Interesse, zum jetzigen Zeitpunkt eine gewisse Stabilität zu erhalten. Sie werden Geld auftreiben, um die Lage wieder zu beruhigen. Das heißt aber nicht, dass man das, was heute in Gaza geschieht, wirklich Leben nennen kann, oder dass Geld eine völlige Veränderung bewirken würde. Aber aus ihrer Sicht ist es nur wichtig, dass auf der ersten Seite der New York Times niemand stirbt, weil Medikamente fehlen. Diese Woche gab es so eine Meldung. Der erste Dialysepatient ist gestorben. Ich vermute, dass das Geld unterwegs ist.“

Laut dem UNICEF-Bericht vom 08. März 2006 „hat die chronische Unterernährung (Unterentwicklung) bei Kindern unter fünf Jahren kontinuierlich zugenommen und liegt jetzt bei fast 10 %. Kinder aus dem Gaza-Streifen sind am stärksten betroffen.“ Von den Kindern unter 23 Monaten – einer kritischen Zeit für die Entwicklung – sind mehr als 15 % unterernährt, „was sie nach der Kleinkindphase noch anfälliger macht“. 2004 lag die Kindersterblichkeit in Gaza bei 23,54 zu 1.000; im Vergleich dazu betrug die Rate in Israel 4,96 zu 1.000. „Besonders in Gaza ist die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter einem Jahr und unter fünf Jahren um 30 % gestiegen, (…). Dies ist Folge der schlechten Versorgung von Neugeborenen in den Krankenhäusern. In großen Krankenhäusern in Gaza z.B. stirbt eines von drei in Neugeborenenstationen eingewiesenen Kindern.“ http://www.unicef.org/oPt/FINAL_OPT_Donor_Update_8_March_2006.pdf.

Das Gaza Community Mental Health Program vervollständigt das Bild: Früher haben die Kinder Vögel am Himmel gemalt, jetzt zeichnen sie Hubschrauber.

Politik contra Menschenfreundlichkeit

D

ie PHRI betrachtet den Rückzug aus Gaza nicht als das Ende der dortigen Besatzung. Für das, was in Gaza geschieht, macht es auch weiterhin Israel verantwortlich. So eine klare Stellungnahme überrascht in einer Zeit, in der der israelische Konsens, dem sich auch zahlreiche Linke anschließen, das Gegenteil behauptet.

Die PHRI wurde 1988 während der ersten Intifada von jüdischen und palästinensischen Ärzten aus Israel und den Besetzten Gebieten gegründet. Sie eröffneten eine „Mobile Klinik“, die durch die Westbank und Gaza reiste. Achtzehn Jahre später hat sich die Art der Arbeit verändert. Ein medizinisches Team aus Ärzten verschiedener Richtungen, Krankenschwestern und Freiwilligen kommt in ein Dorf und kümmert sich um die Erstversorgung. Die Zahl der Patienten kann zwischen fünfzig, aber auch mehr als tausend betragen. Es gibt Tage, an denen nicht alle behandelt werden können. In zwei oder drei Fällen werden Leben gerettet. Zum Beispiel kommt ein Baby mit Hepatitis, die rechtzeitig festgestellt wird. Oder die Ärzte finden Fälle von Diabetes, mit denen nicht angemessen umgegangen wird. Oder Krebs oder Herzkrankheiten. All diese Fälle werden zur Weiterbehandlung an Krankenhäuser in Israel oder den besetzten Gebieten weiter verwiesen.

Sprecher Gold betont, dass die PHRI keine humanitäre Organisation seien, eher eine Menschenrechtsgruppe, die sich der Besatzung widersetzt. „Es stimmt, unsere Arbeit hat eine medizinische Ebene. Eine gewisse Anzahl erhält von uns eine medizinische Erstversorgung, aber wir können und wollen die Behörden nicht von ihrer Verpflichtung befreien, sich um die Bevölkerung von Westbank und Gaza zu kümmern. Die Arbeit da draußen zeigt uns, welche Menschenrechte verletzt werden und wir setzen uns für deren Umsetzung ein. Wir gehen von einem Gesundheitsbegriff im weitesten Sinne aus. Wir ziehen alle Faktoren in Betracht, die Einfluss auf die Gesundheit eines Menschen haben, von sauberem Wasser, Nahrung, Strom, Kanalisation, Bildung, Erwerbstätigkeit bis zum Lebensumfeld. Für uns ist völlig klar, dass all dies von der politischen Situation beeinflusst wird, oder anders gesagt: von der Besatzung.“

Golds Ansatz wird von den Gründern der PHRI geteilt, nicht jedoch von allen Mitgliedern. Einige neigen dazu, sich auf die humanitäre Arbeit zu beschränken, und vermeiden eine Stellungnahme zu den politischen Bedingungen, die die Realität, innerhalb derer sie arbeiten, bestimmen.

Dr. Ayalet Shauer, Internist am Hadassah-Krankenhaus in Ein Kerem, beteiligt sich seit sechs Jahren an den Einsätzen der PHRI. Ich habe sie gefragt, was sie dazu gebracht hat, sich zur Verfügung zu stellen. „Während meiner Ausbildung habe ich einen Artikel über die PHRI gelesen und Kontakt mit ihnen aufgenommen. Damals war die Gruppe noch relativ klein. Ihre Arbeit war noch nicht so umfangreich wie heute. Ich war ganz aufgeregt über die Möglichkeit, meine Arbeit mit einer politischen Stellungnahme zu verbinden. Ich weiß, unsere Tätigkeit als Ärzte kann nicht die bestehende riesige Kluft in der medizinischen Versorgung überbrücken. Andererseits ist meine ehrenamtliche Arbeit bei den PHRI fast die einzige Art, wie ich Palästinenser treffen kann, und für sie ist es fast der einzige Weg, mit Israelis zusammenzukommen, die nicht Soldaten sind. Das ist mein Statement gegen die Besatzung. Es ist mir sehr wichtig, dass die Palästinenser eine andere Sorte Israelis kennen lernen. Manchmal kommen wir in ein Dorf kommen und die Leute dort können nicht glauben, dass wir Juden sind.“

Auf immer und ewig jung und gesund

I

n den Außenbezirken von Qalqilya ist heute Arzttag für Frauen. Das Personal besteht aus drei Gynäkologen, zwei Hebammen, einem Allgemeinmediziner, einem Psychiater, einem Chiropraktiker, einem Akupunkteur, Krankenschwestern und Übersetzern. Einen Schwerpunkt auf die Bedürfnisse und Erfordernisse von Frauen zu legen, ist ein relativ neuer Ansatz der PHRI. Routineuntersuchungen auf Gebärmutter- und Brustkrebs werden durchgeführt, aber an diesem Tag finden auch Diskussionsgruppen zu Fragen der Gesundheit, Ernährung, Geburt, sogar zu Feminismus statt. Dahinter steht die Idee, die Aktivitäten der Klinik um den Bereich der Bildung auszuweiten, zum Beispiel zum Thema Geburtenkontrolle.

Ein besonderer Grund zur Sorge sind die Checkpoints. Dalit, eine Hebamme aus Tel Aviv, erzählte mir von einem Arzttag in Bethlehem, der vor einem Monat stattgefunden hat. „Wir kamen mit 20 Leuten Personal und fanden 1.000 Männer, Frauen und Kinder vor, die auf uns warteten. Wir waren ein bisschen durcheinander. Für eine Gruppe unserer Größe ist es unmöglich, an einem einzigen Tag 1.000 Leute zu behandeln. Wir konnten nicht mal die Hälfte schaffen. Wir beschlossen, mit den Frauen, Fragerunden zu machen. All die schwangeren Frauen waren besorgt wegen der Entbindung, auch jene, die schon früher entbunden hatten. Sie machten sich Sorgen, dass sie auf dem Weg zum Krankenhaus an einem Armeekontrollpunkt aufgehalten würden und auf der Straße entbinden müssten. Dies ist während der zweiten Intifada 40 Mal passiert.“

Bei uns steht Ruhama Marton, Gründerin und Präsidentin des PHRI. Sie korrigiert die Zahl: „37.“

„Nach dem Workshop“, sagte Dalit, „dachten wir, es wäre eine gute Idee, noch einen Workshop zu organisieren, in dem die Frauen lernen, wie sie natürlich zu Hause gebären können, und dass wir Hebammen ausbilden könnten.“

Marton reagiert sofort: „Und was ist mit denen, die trotzdem durch einen Checkpoint und ins Krankenhaus müssen? Wollen wir den Besetzten beibringen, wie sie besser mit der Besatzung leben können? Mit den Checkpoints?“ Marton, die der militanteren, politischen Gruppe innerhalb des PHRI angehört, betont: „Es ist nicht unser Ziel, die Kontrollstellen erträglicher zu machen. Im Gegenteil, wir wollen unseren Leuten die Realität zeigen, ihnen den Schaden, den die Checkpoints anrichten, klarmachen, wie trostlos das Leben der Menschen durch sie wird.“

Zum Fluch der Checkpoints kann man noch die neue Sperranlage hinzuzählen: auf offenem Gelände ein System von Zäunen, in den Städten eine acht Meter hohe Mauer. Der Abschnitt, der heute um Jerusalem herum gebaut wird, hat auf den Zugang zu Krankenhäusern und Kliniken katastrophale Auswirkungen. So ist z.B. Al-Makassad auf dem Ölberg, eines der fortschrittlichsten Krankenhäuser in den Besetzten Gebieten, vom größten Teil der Bevölkerung, die es versorgt, abgeschnitten. Im Gebiet von Jerusalem hindert die Mauer ca. 100.000 Menschen daran, ein Krankenhaus zu erreichen.

Maskit Bendel, der für die Arbeit der PHRI in den Besetzten Gebieten verantwortlich ist, erläutert den Zusammenhang zwischen den Kontrollstellen und der Armut. „Wer kein Geld für eine zweistündige Fahrt zum nächsten ärztlichen Zentrum zu bezahlen, wird seine eigene Behandlung und auch die seiner Kinder verschieben. Dies gilt auch für das Besorgen von Medikamenten oder die Durchführung einer Operation.“

„Wer jung und gesund ist, sollte dies besser für immer bleiben“, sagt Dr. Revital Arbel.

Die Idee einer mobilen Klinik entstand während der ersten Intifada nach einem Besuch im al-Shifa-Krankenhaus in Gaza. Seit damals haben sich die Aktivitäten der PHRI auf fünf Hauptgebiete ausgeweitet:

Da ist zunächst die Arbeit in den Besetzten Gebieten; zusätzlich zu den Mobilen Kliniken gibt es eine Abteilung, die bei der Bürokratie hilft, die überwunden werden muss, um zu Untersuchungen oder Behandlungen nach Israel zu kommen. Dann kümmern sich die PHRI um palästinensische Gefangene in Israel. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf den Haftbedingungen. Auch in den nicht-anerkannten Dörfern in der Negev-Wüste sind die Ärzte aktiv. Diese Dörfer werden genauso vernachlässigt wie die Orte in den Besetzten Gebieten.

Seit die Gesundheitsdienste innerhalb Israels immer mehr privatisiert werden, müssen einige, insbesondere ältere Menschen, einen großen Teil ihres Einkommens für die medizinische Versorgung und Medikamente ausgeben. Bei den PHRI werden sie beraten und unterstützt. Zudem unterhalten die PHRI zudem eine offene Klinik für Arbeitsmigranten in Tel Aviv.

Die leeren Regale in al-Shifa

S

habtai Gold’s Voraussage war richtig. Nach dem Tod von Dialysepatienten haben Europäer und Amerikaner Geld geschickt. Dr. Jumaa Al-Saqqa, Sprecher von Al-Shifa, hat gegenüber Challenge erklärt, dass von zwei humanitären Organisationen in den Besetzten Gebieten Medikamente gekommen sind: von den Médecins du Monde und von US CARE. Die PHRI haben auch in Israel und im Ausland Spenden gesammelt und am 06. Juni 2006 ging eine Sendung an das Rafidia-Krankenhaus in Nablus und an das al-Shifa.

Wie lange die Medikamente reichen werden? „Vier Wochen“, sagt Dr. Al-Saqqa. Ob das Krankenhaus funktioniert? „Ja,, die Situation ist schwierig, aber besser als vorher.“ Man fühlt sich an die Geschichte von der Ziege erinnert:

Ein Mann kommt zum Oberrabbiner eines Dorfes und bittet um Rat. „Rabbi, ich habe ein Problem. Die Situation zu Hause in unerträglich geworden. Ich lebe mit meiner Frau und den Kindern in einem Zimmer zusammen mit dem Schaf, den Ziegen und den Hühnern. Außerdem sind wir arm, das Essen reicht kaum für alle. Was soll ich tun?“

Der Rabbi denkt einen Moment lang nach und erwidert, er habe die Lösung. „Kauf noch eine Ziege“, sagt er, „und nimm sie mit ins Haus.“

„Noch eine Ziege“, sagt der Mann bestürzt.

„Ja“, sagt der Rabbi, „und komm in einer Woche wieder und sag mir, wie es geht.“

Eine Woche später kommt der Mann zurück, noch niedergeschlagener, und berichtet, dass die Situation noch schlimmer geworden sei, noch überfüllter und noch lauter. „Was hast Du mir angetan“, ruft er. „Was soll ich jetzt tun?“

„Jetzt“, sagt der Rabbi, „verkaufst Du die Ziege. Komm nächste Woche wieder und sag mir, wie es geht.“

Als der Mann in der folgenden Woche wiederkommt, liegt ein Lächeln auf seinem Gesicht.

„Wie geht’s Dir?“, fragt der Rabbi.

„Viel besser.“"end"

Home Druckversion Seitenanfang