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01.07.05

besetzte gebiete

Gift auf den Weiden von Tuwani: Die weißen Hemden

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in Frühlingsmorgen Ende März. Die Fahrt vom Checkpoint nach Tuwani dauert eine Viertelstunde. Ausgedehntes Weideland erstreckt sich auf beiden Seiten des Asphalts. Normalerweise würde der Übergang vom geschäftigen Tel Aviv zum Busen der Natur uns Städter in Entzücken versetzen, aber heute ist der Zauber von Zorn getrübt. Es ist keine Vergnügungsreise. Wir sind in Arbeitskleidung unterwegs. In der Vorbesprechung gestern Abend hat mir Ra’anan Alexandrovich von Ta’ayush gesagt: „Bring Handschuhe mit – solche wie Gärtner sie benutzen.“ Ich ging mir sofort welche kaufen.

Ich bin nach Tuwani gefahren, nachdem ich eine Notiz auf der Website von Ta’ayush gelesen hatte: „Gestern, am Dienstag, den 22. März 2005, wurden auf einem Teil des Weidelands von Tuwani, das südlich von Mount Hebron gelegen ist, Gift verstreut, das wie Weizenkorn geformt ist. Siedler aus Havat Maon, einem nicht anerkannten, illegalen Außenposten, wurden in dem Gebiet gesehen, in dem das Gift entdeckt wurde. In Folge des Gifts sind eine Reihe Schafe eingegangen, auch Gazellenkadaver wurden gefunden. Wenn Ihr diesen Samstag an einem Solidaritätsbesuch teilnehmen könnt, meldet Euch.“ Ich meldete mich.

Tuwani sieht, auch wenn es in der Westbank gelegen ist, wie eines der nicht anerkannten Dörfer Israels aus. Heruntergekommene Gebäude aus Blech und Zement sind ohne erkennbare Logik verteilt, als seien sie willkürlich aus dem Boden hervorgeschossen. Bis 10:30 Uhr sind eine Reihe Autos angekommen, sie haben 50 Aktivisten gebracht, 30 von Ta’ayush, 20 aus dem Ausland.

Während wir darauf warten, dass es losgeht, frage ich ein bisschen rum und werde auf den neuesten Stand gebracht: Die Vergiftung der Schafe ist eine Eskalation eines langen Konflikts über Weideland zwischen Tuwani und Havat Maon. Die Siedler scheuen vor keinem Mittel zurück, vom Vergiften von Brunnen (durch das Hineinwerfen von Kadavern – d.Ü.) bis zur Belästigung von Kindern aus nahegelegenen Dörfern, die dort die Schule besuchen. Und jetzt die Schafe. Die zionistische Redensart „Noch einen Dunam, noch eine Ziege“ erfährt eine gruselige Veränderung: „Vergifte eine Ziege, um einen Dunam dazu zu bekommen.“

Die Freiwilligen verteilen sich. Wir bekommen eine kurze Einführung. Die Handschuhe werden gebraucht, so wird uns gesagt, um unsere Hände vor dem Gift zu schützen, das aussieht wie kleine metallic-grüne Kügelchen. Jeder soll die Kügelchen in eine große Plastiktüte sammeln. Am Ende des Tages wird sie voll sein.

Einer der Schäfer spricht mit kanadischen Dokumentarfilmern, in seiner ungeschützten Hand hält er einen mit den Kügelchen vermischten Klumpen Erde. Er erzählt von Ziegen und Schafen, die nicht gestorben sind, aber kranken Nachwuchs zur Welt bringen werden. Milch und Käse dieser Tiere sind belastet. Eine ganze Nahrungskette wird geschädigt, auch die Raubvögel und Aasfresser.
Auf dem Hügel auf der anderen Seite des Flussbetts spielt sich eine

völlig andere Szene ab. Israelische Soldaten haben einen Schäfer verhaftet. Neben mir schreit eine junge Frau in ein Walkie-Talkie: „Aus welchem Grund? Der Soldat soll einen Grund nennen!“ Die Antwort kommt von einem anderen Mitglied von Ta’ayush: „Wir reden mit dem Kommandanten der Einheit. Mach Dir keine Sorgen. Wir geben nicht nach.“

Sekunden später spuckt das Walkie-Talkie wieder Sätze aus: „Siedler nähern sich dem Dorf. Schickt eine Gruppe, die sie beobachtet, haltet sie auf ... Nein, nicht von da, dieses Feld gehört ihnen. Geht drum herum. Sag es auch den Anderen. Das ist das Letzte, was wir brauchen: dass wir ihnen einen Vorwand bieten, das Dorf zu zerstören.“ Auf dem gegenüberliegenden Hügel gehen die Verhandlungen mit dem Kommandanten weiter: wird der Schäfer freigelassen oder nicht? Seine Schafe haben sich bereits über das vergiftete Feld verteilt.

Denken wie ein Siedler

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uf Knien rutschen wir über die Weide, wir finden die Giftkügelchen zwischen den Erdschollen, unter den Büschen, in den Felsspalten. Wir versuchen uns in die Siedler hineinzuversetzen: wo würden sie Gift streuen. Je näher wir an den Vorposten Havat Maon herankommen, desto mehr finden wir. „Kommt hier rüber!“, ruft jemand. „Hier brauchen wir viel Hilfe.“ Havat Maon liegt genau über unseren Köpfen, ist jedoch hinter eine Bergecke verborgen. Nur die Solarantenne ragt als Zeichen der Zivilisation hervor. Habe ich Zivilisation gesagt? Nein. Eher Grausamkeit, Jahrzehnte des Bösen. Die Armee, das Gerichtssystem und das israelische Gesetz genügen den Siedlern von Havat Maon nicht mehr. Sie haben ihre eigenen Mittel ihre Anwesenheit durchzusetzen. Es ist ein Uhr mittags. Die Sonne brennt hernieder. Der Schäfer, freigelassen, kommt zurück, um seine Schafe zusammenzutreiben. Wie viele Kügelchen haben wir gesammelt? Tausende. Die Soldaten beobachten uns weiter aus der Entfernung. Sie wissen, dass sie besser in der Nähe bleiben. Der Tag ist noch lange nicht vorbei.

Weiße Hemden

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in Stadtauge, an künstliche Farben gewöhnt, erkennt schnell das leuchtende metallic-grün der Kügelchen zwischen den Farben der Erde. Das Ohr ist empfindlicher geworden für andere Geräusche als den Wind, die Herde oder das Murmeln der anderen Arbeiter.

Plötzlich plärrt das Walkie-Talkie los: „Siedler bewegen sich immer noch Richtung Dorf“ und die ländliche Stille ist durchbrochen. Wir sehen sie von Weitem, die „Gipfelhüpfer“ (Siedlerjugend – d.Ü.) wie sie genannt werden – in diesem Fall Yeshiva-Studenten aus Havat Maon – alle in weißen Hemden, marschieren Richtung Tuwani. Die Veteranen unter uns, die die jeden Samstag herkommen, bewegen sich schnell auf die „weißen Hemden“ zu, um sie zu stoppen, ehe sie das Dorf erreichen. Wir, die wir zum erstem Mal dabei sind, schauen aus der Entfernung zu. Ein Jeep der Armee fährt heran und stellt sich zwischen die beiden Gruppen. Einer der Siedler versucht, sich den Freiwilligen von Ta’ayush zu nähern, doch ein Soldat interverniert sofort. Die Siedler ziehen sich in ein Wäldchen zurück und verschwinden.

Gegen Sonnenuntergang machen wir uns zur Abfahrt bereit. Unsere Tüten sind gefüllt, aber genauso voll, immer noch voll ist das Weideland des Dorfes. Einige Freiwillige bleiben, um die Arbeit am nächsten Tag fortzusetzen. Es gibt noch einen anderen Grund zu bleiben. Heute ist Purim, nach israelischer Sitte eine Art Freudenfest, und betrunkene Siedler könnten heute Nacht randalieren. Ein jüdischer Feiertag ist hier immer eine Gelegenheit für ein Pogrom und Purim erzeugt eine besonders grauenvolle Assoziation: Baruch Goldsteins Massaker in Hebron an Purim 1994. Es besteht die Befürchtung, dass die Siedler in das Dorf eindringen, durchdrehen, auf die Leute einschlagen und alles zerstören, was ihnen in den Weg kommt.

Sisyphus

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in paar Wochen später veröffentlicht Akiva Eldar in der Haaretz einen Bericht, dass das Vergiften weitergeht. „Der Polizei von Judäa und Samaria zufolge“, schreibt er, „weisen Geheimdienstinformationen zunehmend darauf hin, dass die nächsten Gefahrenstufe die physische Verletzung jüdischer Friedensaktivisten sein wird.“

Wir erinnern uns an die Bestrafung des Sisyphus, des Klügsten der Sterblichen, der die Geheimnisse der Götter offenbarte. Zeus verdammte ihn dazu, einen riesigen Felsbrocken auf eine Bergspitze zu rollen. Sobald dieser die Spitze erreichte, rollte er zurück, und Sisyphus musste von vorn beginnen. Seit dem Tag, den ich oben beschrieben habe, sind die Felder wieder und wieder vergiftet worden. Wie leicht es ist auf den Weiden Tuwanis Gift zu säen! Polizei und Armee warnen vor weiterer Zuspitzung.

Abgesehen davon rühren sie keinen Finger. Die vergifteten Felder liegen übrigens im Gebiet C, dass in den Osloer Verträgen folgendermaßen definiert ist: Israel ist hier offiziell dafür verantwortlich, dem Gesetz Geltung zu verschaffen. Wie ist es dann möglich, dass die Dorfbewohner von Tuwani niemand haben, der sie rettet, außer Organisationen wie Ta’ayush? Und was wird aus Tuwani und seinen Nachbardörfern, wenn dies nicht ausreicht? "end"

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