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01.05.05


Keywords

Kriegsdienstverweigerung

01.07.05

analysen

Gewissen vs. Gewissen

Das Problem mit den rechten Verweigerern

N

ach dem Abendessen nahm sie ihr Buch heraus und unterrichtete mich über Moses und das Schilfrohr und ich fieberte, alles über ihn zu erfahren; aber nach und nach rückte sie damit heraus, dass Moses schon ziemlich lange tot war; danach hatte ich nicht mehr viel Interesse an ihm, weil ich von toten Leuten nichts halte. Mark Twain, Die Abenteuer des Huckleberry Finn, Kapitel I.

Wenn ein Nationalstaat schlechte Politik praktiziert, kann er seine Führer oder Gesetze später auswechseln. Wer bei der Durchführung dieser Politik mitgemacht hat, kann seinen Geist und Körper, die diese Dinge verübt haben, später nicht austauschen. Er oder sie ist dazu verdammt, Gefangener des eigenen Gewissens zu sein. Daher ist es ein Menschenrecht, dem eigenen Gewissen gegenüber den Anforderungen des Staates Vorrang zu gewähren.

Das ist die Begründung des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung. Verstehen wir Demokratie nicht nur als „Regierung der Mehrheit“ sondern als System, das allen Bürgern innerhalb des Kontexts von Mehrheitsentscheidungen gleiche Rechte garantiert, dann ist das Recht auf Verweigerung integraler Bestandteil von Demokratie. Die Frage (die viele Israelis stellen), ob dies der Demokratie nützt oder sie schwächt, macht ungefähr so viel Sinn wie zu fragen, ob es der Demokratie nützt oder schadet, wenn die Leute wählen dürfen.

Gleichzeitig erheben sich jedoch Fragen: Die Diktate des Gewissens der einen Person mögen einer anderen als böse erscheinen oder sie können mit den Rechten anderer in Konflikt geraten oder es können sich Motive wie Feigheit oder Gier dahinter verstecken. Doch diese Fragen stellen das Argument nicht in Frage. Solange man von der Annahme ausgeht, dass es so etwas wie Gewissen gibt, hat es Vorrang gegenüber dem Staat. Sicher kann dieses Recht durch andere Rechte eingeschränkt werden. Und es kann in bestimmten Fällen schwierig sein zu erkennen, ob der Verweigerungsgrund vom Gewissen oder von weniger noblen Gründen bestimmt ist. Während des Vietnamkriegs in den USA, als ich die Ehre hatte, hat die Regierung eine ziemliche Menge an Zeit und Geld in die Angelegenheit investiert, einschließlich einer FBI-Untersuchung und einer dreistündigen Unterhaltung zwischen dem Vertreter des Justizministeriums und mir.

Freiheit kann teuer sein, ein Luxus ist sie nicht

Israel erkennt den Vorrang des Gewissens nicht an. Es schickt seine Verweigerer ins Gefängnis. Bislang waren es wenige und sie kamen aus der Linken. Man hat sie immer in Frage gestellt, u.a. mit Fragen wie: „Was ist, wenn die Regierung eines Tages entscheidet, die Siedlungen zu räumen und sich die rechtsgerichteten Soldaten weigern? Würdest Du ihnen dasselbe Recht zugestehen, dass Du forderst?“

Das ist keine hypothetische Frage mehr. Die Regierung hat sich entschieden, die Siedlungen im Gazastreifen sowie vier Siedlungen in der Westbank zu räumen. Im Oktober 2004 haben 64 Rabbis eine Direktive ausgegeben, dass Soldaten die Teilnahme verweigern sollen. Am 09. Februar 2005 hat eine Bewegung, bekannt als Defensive Shield, eine von über 10.000 Soldaten unterzeichnete Petition vorgelegt, in der diese ihre Absicht erklären, jeden Befehl zu verweigern, der mit der Vertreibung von Juden aus ihren Häusern in Zusammenhang steht. Ihre Zahl macht einen beträchtlichen Teil der Armee aus. JedeR Unterzeichner hat seine/ihre militärische Kennziffer angegeben. Der Sprecher Noam Livnat behauptet, viele weitere hätten nicht unterzeichnet, weil sie Angst gehabt hätten, namentlich aufzutreten. Wenn die Massenverweigerungen erst einmal in Gang kämen und schnell zunähmen, so würden auch diese, so glaubt er, mitmachen (Israelisches Staatsfernsehen, Erev Hadash, 09. Februar 2005).

Haben diese über 10.000 Soldaten das Recht auf Kriegsdienstverweigerung? Ist ihre Verweigerung wirklich eine Sache des Gewissens? Und wenn, muss allen Gewissen dasselbe Gewicht beigemessen werden? Ist Moral relativ?

Das scharfsinnigste Werk zu dieser Frage ist Mark Twain’s Huckleberry Finn. Huck und Jim, ein entlaufener Sklave, fahren um das Jahr 1840 herum auf einem Floß den Mississippi hinunter. Huck flieht vor seinem ihn bedrohenden Vater und vor Miss Watson, die ihm Manieren beibringen will. Jim ist auch auf der Flucht vor Miss Watson, die ihn besitzt. Die beiden suchen eine Stadt namens Cairo an der Mündung des Ohio. Ihr Plan ist, dort das Floß zu verkaufen und mit einem Dampfer den Ohio hoch in die freien Staaten zu reisen. In einer Nacht, gerade als sie glauben, nah dran zu sein, steigt Nebel auf. Huck nimmt das Kanu und versucht, das Floß an einen Ort zu schleppen, wo er es anbinden kann; doch Floß und Kanu werden getrennt. Während des größten Teils der Nacht können Jim und er einander nicht finden; immer wieder auf kleine Inseln auflaufend treibt jeder allein durch den Nebel.

Als sich der Nebel hebt, entdeckt Huck das Floß und es gelingt ihm es zu erreichen. Jim ist am Ruder eingeschlafen, das Floß mit Laub und Müll übersät. Huck beschließt ihm einen Streich zu spielen. Er streckt sich vor Jim aus, weckt ihn und behauptet, er sei die ganze Zeit dagewesen und habe geschlafen. Während Jim protestiert und rekapituliert, was geschehen ist, streitet Huck alles ab. Er überzeugt Jim davon, dass das ganze Abenteuer ein Traum war. Jim beginnt diesen Traum zu deuten. Aber dann, um Jims Leichtgläubigkeit zu demonstrieren, weist Huck auf die Blätter und den Müll und fragt, wofür sie denn in dem „Traum“ stünden.

Jim sah den Müll an und dann mich und dann wieder den Müll. Der Traum saß so fest in seinem Kopf, dass er ihn kaum abschütteln und die Tatsachen wieder an ihren richtigen Platz setzen konnte. Aber als es ihm gelang, die Dinge zurechtzurücken, schaute er mich fest an und sagte:

„Wofür sie stehen? Ich werd’s Dir sagen. Als ich von der Arbeit völlig erschöpft war und vom Rufen nach Dir und eingeschlafen bin, war mein Herz fast gebrochen, weil Du verschwunden warst, und mir war egal, was aus mir und dem Floß wurde. Und als ich aufwachte und Dich wiederfand, heil und gesund, kamen mir die Tränen und ich war so dankbar, dass ich hätte auf die Knie fallen und Deine Füße küssen können. Und alles woran Du gedacht hast, war, wie Du den alten Jim mit einer Lüge zum Narren halten könntest. Der Kram hier ist Müll und Müll sind Leute, die über den Köpfen ihrer Freunde Schmutz ausschütten und sie beschämen.“

Hier arbeitet das Gewissen, aber Huck nennt es nicht so. Denn er hat zwei Gewissen und das, das er so nennt, taucht im nächsten Kapitel 16 auf.

Jim hält nach Cairo Ausschau, er hofft, dass sie nicht vorbeigefahren sind. Huck geht auf, dass Jim vielleicht wirklich die Freiheit gewinnen könnte, und sein Gewissen nagt an ihm:

Es begann mir durch den Kopf zu gehen, dass er fast frei war – und wer war Schuld? Ich. Es ging mir nicht aus dem Kopf, wie ich es auch drehte und wendete. Es beunruhigte mich so, dass ich nicht schlafen konnte; ich konnte nicht ruhig auf einem Platz bleiben. Es war mir noch nie bewusst geworden, was ich da eigentlich tat. Aber jetzt wurde es mir bewusst und es blieb und brannte immer mehr. Ich versuchte mir klar zu machen, dass ich keine Schuld hatte, weil ich Jim nicht von seinem rechtmäßigen Eigentümer weggeholt hatte; aber das half nichts, das Gewissen war da und sagte jedes Mal:

„Aber Du wusstest, dass er um seine Freiheit lief, und Du hättest ans Ufer paddeln und es jemandem sagen können.“ Es war so – ich kam nicht dran vorbei. Es war da und piekste mich. Gewissen sagte zu mir: „Was hat die arme Miss Watson getan, dass Du zuschauen konntest, wie ihr Nigger unter Deinen Augen davonläuft, und kein Wort sagst? ...

Ich fühlte mich so mies und unglücklich, dass ich mir fast wünschte tot zu sein. Ich lief ruhelos auf dem Floß herum, beschimpfte mich, und Jim lief auch ruhelos rum. Keiner von uns konnte ruhig sitzen. Jedes Mal, wenn er herumsprang und sagte: „Da ist Cairo!“, durchfuhr es mich wie ein Schuss und ich dachte, wenn es Cairo wäre, würde ich wahrscheinlich vor Unglück sterben.“

Dies offenbart nichts anderes als Gewissen. Auch das ist Gewissen, das so schmerzt wie Gewissen schmerzt. Ich sagte, dass eine Person das Recht hat, nicht Gefangener seines oder ihres Gewissens zu werden, und die Tatsache, die dem Argument Stärke verleiht, ist: Gewissen schmerzt. Aber was ist der Zusammenhang zwischen diesem Gewissen und dem ersten, das Huck nicht „Gewissen“ nennt, das aber auch schmerzt?

Im ersten Fall spielte Huck Jim einen Streich und dann sagte Jim etwas und wegen dem, was er sagte, konnte Huck ihn sehen. Er hatte ihn nie zuvor wahrgenommen, aber jetzt sah er ihn. Er sah ihn, kann man sagen, in seiner Bedeutung als Mensch. Ein Mensch als solcher ist wichtig. Diese Wichtigkeit ist die Grundlage des Gewissens. Um dieses Phänomen zu erklären, ist es nicht notwendig, die Einhaltung moralischer Gesetze von oben durchzusetzen. Es genügt, sich daran zu erinnern, dass jeder von uns hilflos zur Welt gekommen ist und dass wir ohne die Hilfe anderer, von denen unser Sein abhing, nicht überlebt hätten, sie daher ebenso wichtig waren wie wir und ihre Beziehung zu uns zum Paradigma unserer Beziehungen mit anderen Menschen als solche wurde.

Hucks zweites Gewissen, das, das er Gewissen nennt, entwickelt sich in einem Rahmen, in dem eine Gruppe Menschen unterdrückt, deren Menschlichkeit vergewaltigt wird und die Unterdrücker versuchen sich selbst im Voraus zu betäuben, vor dem schrecklichen Schmerz des Gewissens (der ersten Art). Die Methode ist einfach und klassisch: Gewissen betrifft unsere Verbindungen mit Menschen. Also überzeuge Dich selbst davon, dass die Unterdrückten nicht richtig menschlich sind. Du bist den Menschen verpflichtet, den Miss Watsons. Oder im vorliegenden Fall, Deinen Mit-Juden. Die Struktur des Gewissens ist dieselbe; der Unterschied besteht darin, wer als Mensch betrachtet wird.

Wenn wir einer Gruppe von Menschen die Menschlichkeit absprechen, kommt die Schuld durch die Hintertür wieder herein. Sie erscheint dann nur nicht als Schuld. Statt den Widerhaken des Gewissens spüren wir eine Angst vor den Widerhaken derer, die wir entmenschlicht haben, vor „ihnen“. Wir haben tatsächlich gute Gründe, sie zu fürchten: Wir haben Zorn erweckt. (Und einige von ihnen mögen Dinge tun, die unsere Ängste realistisch erscheinen lassen.) Weil wir ihre Menschlichkeit in den Untergrund gedrängt haben, nimmt diese Angst vor ihnen mystische Dimensionen an. Sie werden nicht nur als unmenschlich, sondern als unmenschlich mit dämonischen Eigenschaften betrachtet. Wo uns das natürliche Schuldgefühl dazu gebracht hätte, die Beziehungen mit ihnen zu reparieren, führt uns die Angst vor ihrer Rache dazu, diese weiter zu verletzen. So beginnt eine Spirale, in der sich das Böse selbst vervielfacht. Je schuldiger wir uns fühlen, desto mehr müssen wir sie entmenschlichen, um uns nicht schuldig zu fühlen und die Widerhaken des Gewissens kehren als Angst zurück. Je größer die Angst, desto mehr müssen wir zuschlagen; je mehr wir zuschlagen, desto größer die Schuld; je größer die Schuld, desto mehr müssen wir entmenschlichen; je mehr wir entmenschlichen, desto größer die Angst und so weiter, weiter, immer weiter. In einer Art Umkehrung bestimmt die Stärke unser Schuld die Stärke, mit der wir zerstören und töten.

Dieser Prozess wird in Gang gesetzt, wann immer ein Volk die Rechte eines anderen verletzt. Die Flucht vor der Schuld ist der Beginn des Rassismus. Letzterer ist nicht in erster Linie die Ursache, sondern eher Symptom und Ergebnis der Verletzung der Menschenrechte. Er wird geheilt, wenn man aufhört, sie zu verletzen.

Um die Palästinenser zu sehen, so wie Huck Jim gesehen hat, müssten die rechtsgerichteten Verweigerer in einer ähnlichen Situation wie Huck sein, mit Jim den Jordan hinuntertreiben, im Nebel getrennt werden usw. Aber der Jordan ist nicht lang genug. Jüdische Geschichte (die Geschichte, die wir Juden einander beibringen) von der Bibel bis zum Holocaust, weiter zur Geburt des Staates und des Flüchtlingsproblems, der Entwurzelung und Beschlagnahmungen, der Erziehung der neuen Israelis, der Intifadas, der wechselseitigen Greueltaten, der Berichterstattung in den Medien ... ist ein viel längerer Fluss und er fließt in die entgegengesetzte Richtung. In etwas mehr als zwanzig Jahren hat die Zahl der linken Verweigerer die Tausend erreicht und jetzt bekommen die Rechten in wenigen Wochen 10.000 Unterschriften. Ein kluger Mann hat gesagt, dass die, die sich nicht an die Vergangenheit erinnern, verurteilt sind, sie zu wiederholen.

Dasselbe gilt für die, die sich selbst einsperren, deren vu immer ein déjà ist, die in den Feinden von heute nur die Wiedergänger toter Verfolger sehen.

Welchen Schluss sollen wir daraus ziehen? Haben die 10.000 das Recht auf Verweigerung aus Gewissensgründen? Ja, denn Gewissen ist Gewissen, auch wenn es deformiert ist – selbst wenn Rassismus als Rechtschaffenheit gilt. Lasst sie also verweigern (und ihre Waffen abgeben). Aber ihnen ihr Recht zuzugestehen, ist kein Relativismus. Wir sagen nicht: „Ein Gewissen ist so gut wie das andere“, und meinen, dass es das Gute nicht gibt. Das Gute ist mit denen, die in allen Menschen den Menschen sehen.

Was Huck und Jim betrifft, so haben sie Cairo verpasst. Sie sind im Nebel dran vorbeigefahren. Sie treiben hilflos durch den tiefen, unfreien Süden. Einmal versucht Huck Jim auszuliefern, aber er bringt es nicht übers Herz. Dann werden sie wieder getrennt. In Kapitel 31 erfährt Huck, dass Jim gefangen wurde, auch wenn die Fänger nicht wissen, wo er herkommt und wer sein Eigentümer ist. Huck schreibt einen Brief an Miss Watson, in dem er ihr sagt, sie solle jemand schicken, der ihr Eigentum abholt. Er starrt auf das, was er geschrieben hat:

„Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich gut und frei von allen Sünden und ich wusste, jetzt könnte ich beten. Aber ich tat es nicht sofort, sondern legte das Papier weg und dachte nach – dachte, wie gut es war, dass alles so verlaufen war und wie nah ich dran gewesen war, verloren und zur Hölle zu gehen. Und dachte weiter. Und dachte über unsere Reise über den Fluss nach; und ich sehe Jim die ganze Zeit vor mir: am Tag und in der Nacht, manchmal im Mondschein, manchmal Stürme, und wir auf dem Wasser treibend, redend, singend und lachend. Aber irgendwie schien ich nichts zu finden, was mich ihm gegenüber hätte verschließen können, nur das andere. Ich sehe ihn, wie er, anstatt mich zu rufen, für mich Wache stand, damit ich weiterschlafen konnte, und sehe, wie glücklich er war, als ich aus dem Nebel zurückkehrte ... und dann schaute ich mich um und sah dieses Papier.

Es lag so nahe. Ich nahm es und hielt es in der Hand. Ich zitterte, weil ich mich auf immer zwischen zwei Dingen entscheiden musste, und ich wusste es. Ich überlegte eine Minute, hielt irgendwie den Atem an und dann sagte ich mir: „Okay, ich fahre zur Hölle“ – und zerriss es.

Es waren schreckliche Gedanken und schreckliche Worte, aber sie waren ausgesprochen. Und ich ließ sie ausgesprochen stehen und dachte nicht mehr darüber nach, sie zu ändern. Ich schlug mir das Ganze aus dem Kopf und sagte, ich würde wieder Schlechtes tun, das war mein Weg, der, zu dem ich erzogen war und zu dem anderen nicht. Und als einen Anfang könnte ich ans Werk gehen und Jim aus der Sklaverei stehlen und falls ich mir etwas Schlimmeres ausdenken könnte, würde ich das auch machen; denn so lange ich dabei war und ein für allemal dabei war, könnte ich auch Nägel mit Köpfen machen.“"end"

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