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Ausbeutung in Nazareth
Die Sache der arabischen Frauen
von
Orit Soudry

azareth, Israels größte arabische Stadt, hat ein lebhaftes Geschäftszentrum. Schicke Angestellte und Verkäuferinnen bevölkern seine Büros und Läden. Geschniegelte Chefs, die mit Abschlüssen in Jura, Ingenieurwesen oder als Steuerberater werben, verströmen den gleichen Eindruck von Professionalität wie in anderen israelischen Städten. Aber die Bande der Tradition werden durch einen Wechsel der Kleidung nicht gelockert. Der neue Stil kaschiert die Ausbeutung der arabischen Frauen durch arabische Männer.
Die Gehälter der meisten weiblichen Angestellten, der Sekretärinnen und Verkäuferinnen bewegen sich zwischen 1.500 und 2.200 Schekeln (NIS) weit unterhalb des gesetzlichen Minimums von 3.360 NIS, etwa 775,00 Dollar. Oft werden die Gehälter unter Vermeidung der Abgaben für Sozial- und Krankenversicherung in bar ausgezahlt.
Hanan Manadreh von der Zweigstelle des Workers Advice Cener in Nazareth hat mir geholfen, diesen Bericht zu erstellen. Manadreh arbeitet auf einen Abschluß in Women’s Studies an der Universität Haifa hin. Sie hat zehn weibliche Angestellte in Nazareth interviewt: “Sie sagten daß Arbeit, selbst zu einem solchen Gehalt, immer noch besser sei, als zu Hause zu ersticken. Viele sagten, dies sei ihre einzige Chance “Luft zu bekommen”. Die Furcht vor Konsequenzen an ihrem Arbeitsplatz, sagt Manadreh, hat viele veranlaßt, um Anonymisierung ihrer Daten zu bitten.
Nach dem Ende des schulischen Teils der Ausbildung als Anwaltsgehilfin hat Maram 1 mit der praktischen Ausbildung in einem der Anwaltsbüros begonnen. Dann begann sie dort in Vollzeit zu arbeiten; ihr Monatsgehalt stieg von 1.000,00 auf 2.000 NIS. Das war vor sechs Jahren. Inzwischen hat Maram geheiratet und eine Familie gegründet, aber sie verdient immer noch 2.000 NIS. Ihre jüdisch-israelischen Kollegen beginnen mit mindestens dem gesetzlichen Mindestlohn; mit zunehmender Erfahrung kann er oder sie das Gehalt bis auf 7.000,00 NIS erhöhen.
Maram hat mehrfach um Gehaltserhöhung gebeten, ohne Erfolg. Sie sagt, es bleibt ihr keine andere Wahl als zu bleiben: Selbst wenn sie einen anderen Arbeitsplatz finden könnte, würde der Lohn in etwa gleich sein. “Zur Zeit behandelt mich der Chef wenigstens mit einem gewissen Respekt. Er fordert mich nicht auf, das Büro zu putzen oder Kaffee zu kochen, wie es die Frauen in den meisten Büros tun.”
Ein anderes Beispiel ist Su’ad , 27 Jahre, die seit fünf Jahren für ein Steuerbüro in Nazareth arbeitet. Sie verdient monatlich 2.200,00 EUR - bar, ohne Gehaltsabrechnung. Ihr Vater ist verstorben, sie unterstützt ihre Mutter. Manchmal bleibt ein bißchen übrig.
Su’ads Geschichte ist lehrreich. Als sie die Highschool beendete, war sie finanziell von zwei ihrer Brüder abhängig, die sie und ihre Mutter mit einem eng bemessenen Betrag unterstützten. Sie entschied sich für eine Ausbildung in Buchhaltung. Ihre Brüder drängten sie, das nicht zu tun, aber sie bestand darauf, finanziell unabhängig zu werden. Daß ihre verheirateten Schwestern nicht arbeiteten, half ihr nicht gerade. “Als ich mit der Arbeit begann, half mir ein Angestellter, der mehr Erfahrung hatte, und wir wurden Freunde. Ich freundete mich auch mit anderen an. Das Leben bei der Arbeit war völlig anders als alles, was ich von zu Hause kannte.”
Der lokale Arbeitsmarkt
Während der 90er hatten nur 16 % der arabischen Frauen in Israel Arbeit. Die arabische Gesellschaft mißbilligt Frauen, die außerhalb ihres Hauses arbeiten, besonders wenn sie verheiratet sind. Die meisten der Frauen, die trotzdem erwerbstätig waren, waren im Textilbereich beschäftigt. 1996, im Gefolge von Oslo und dem Trend zur Globalisierung, zogen viele israelische Textilfirmen nach Ägypten, Jordanien oder Ostasien um, in Länder, in denen Arbeit ein Zehntel von dem kostet, was in Israel bezahlt werden muß.
Eine zweite Veränderung betrag Nazareth direkt. Der Ausbruch der Intifada im September 2000, ein Jahr später gefolgt von den Anschlägen von Al Qaida in Amerika, führte zu einer Krise in der Tourismusindustrie. Viele Bewohner der Stadt verloren ihre Haupteinnahmequelle. Gleichzeitig entwickelte sich der private arabische Sektor und begann Angestellte und Verkaufskräfte einzustellen. Der Anteil von Jugendlichen mit einem Highschool-Abschluß in Nazareth beträgt 55 %, in anderen arabischen Städten in Israel sind es 33 %. Hier ist also eine Stadt mit hunderten jungen Frauen mit Ausbildungen im juristischen, Verwaltungs- und Buchhaltungssbereich. Weil sie so zahlreich sind, ist die Drohung einer Entlassung immer gegenwärtig und die Ausbeutung geht weiter.
Im Zuge ihrer Interviews ist Manadreh auf ein Problem gestoßen, daß ihr aus der Textilindustrie bereits bekannt war. Sie hatte jedoch nicht damit gerechnet, darauf auch im Angestelltenbereich zu treffen: Frauen arbeiten Vollzeit, aber ihre offiziellen Lohnabrechnungen weisen Teilzeitarbeit aus. Alles andere wird schwarz ausgezahlt. Auf diese Art sparen die Arbeitgeber die Steuern und Sozialabgaben. Wird eine Frau z.B. gefeuert wird, wird ihr Arbeitslosengeld nach den offiziellen Lohnabrechnungen berechnet. Diese Methoden sind zur Norm geworden. Wir finden sie bei Anwälten und Steuerberatern, die die Gesetze kennen - und brechen. Sie betrachten sich als Avantgarde ihrer Gesellschaft, während sie zugleich die Tradition der Unterdrückung aufrecht erhalten.
In Nazareths Läden ist es genauso: Man sieht eine junge Frau mit westlicher Kleidung und einer schicken Frisur. Sie arbeitet in einem bekannten Kleiderladen in der neuen Einkaufsstraße. Man stellt sich einen emanzipierten, modernen Lebensstil vor. Doch ihre Gehaltsabrechnung weist weniger als den Minimallohn aus.
Salam, älteste von neun Schwestern, möchte an der Hebräischen Universität in Jerusalem Pharmazie studieren. Sie muß sich die Ausbildung selbst finanzieren. “Vor dem Zuckerfest am Ende des Ramadan habe ich zusammen mit anderen Frauen die ganze Woche jeden Tag bis Mitternacht gearbeitet. Wir durften uns nicht hinsetzen und essen oder trinken. Als ich meine Abrechnung bekam, war es weniger als der Minimallohn, nur 1.800 NIS, und die Überstunden waren nicht bezahlt worden. Um noch Salz in die Wunde zu reiben, feuerte mich mein Boß nach dem Feiertag unter dem Vorwand, der Umsatz sei unter den Durchschnitt gesunken.”
Salam, Maram und Su’ad haben viel gemeinsam. Sie wollen arbeiten, sie streben nach Unabhängigkeit, doch sie sitzen in der Falle: Wenn sie die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen verweigern, sitzen sie ohne einen Pfennig zu Hause. In einer Gesellschaft, in der jeder jeden kennt, kann der Eintritt in eine Gewerkschaft ihr Aussichten, jemals einen Job zu finden, vernichten.
“Was ist also zu tun?”, habe ich Manadreh gefragt.
“Die Probleme auf dem Arbeitsmarkt sind hier größer als anderswo”, antwortete sie. “Die arabische Wirtschaft ist wenig entwickelt. Selbst in Nazareth ist die Industrialisierung gering. Das ist das Ergebnis einer bewußten Politik, die darauf abzielt, die arabische Bevölkerung schwach und abhängig zu halten. Neben der offiziellen israelischen Wirtschaft entwickelt sich ein Schwarzmarkt, dessen Arbeitsbedingungen von den üblichen Beschäftigungsstandards abweichen. Aber die Schwierigkeit hängt auch mit den sozialen Problemen in unserer eigenen Gesellschaft zusammen. Die Verantwortung, die soziale und ökonomische Lage zu verbessern, kann nicht nur den Frauen aufgebürdet werden, die von vornherein in einer schwachen Position sind.
Der Rechtsanwalt, der einen solch geringen Lohn zahlt, trägt zur Verarmung der Gesellschaft bei. Die Schwierigkeiten, denen Frauen begegnen, führen zu einem niedrigeren Einkommensniveau und einem niedrigeren Lebensstandard. Die Steuereinnahmen arabischer Städte und Dörfer sinken. Soziale Dienstleistungen nehmen ab. Die Reichen werden reicher, während die Armen immer tiefer in ihrer Armut versinken. Wenn die Gesellschaft den Eintritt der Frauen in den Arbeitsmarkt nicht unterstützt, wenn sie ihre Arbeit nicht als signifikanten wirtschaftlichen Beitrag wertet, dann wird die gesamte Gesellschaft das Opfer sein. Wir Frauen müssen für unseren rechtmäßigen Platz in der Gesellschaft kämpfen, indem wir zunächst zu Solidarität miteinander finden und dann nach außen treten, um unsere Väter und Brüder zu überzeugen. Dies müssen wir zu unserem eigenen Wohl, aber auch zum Wohle der gesamten Gesellschaft tun.”



