Keywords
Araber in Israel,
Majd al Krum,
Vertreibung,
Siedlungen,
Justiz
Die Bulldozer kamen zweimal zu Salameh
von
Samya Nasser

eit 1948 hat sich die arabische Bevölkerung in Israel versiebenfacht. In der gleichen Zeit ist ihr Anteil am Boden um 84 % gesunken. Man geht davon aus, daß sich die Zahl der Araber in Israel in den nächsten zwanzig Jahren verdoppeln wird. Bereits jetzt hat der Mangel an Land Überbevölkerung und Verzweiflung zur Folge. Die zionistische Politik hindert die Araber daran, in jüdische Städte zu ziehen. Aus diesem Grund müssen sie innerhalb der Grenzen ihrer Dörfer eine Lösung finden. Der Bedarf an Baugenehmigungen ist enorm, doch Israel bewilligt sie selten. Allein in Galiläa haben die Behörden Anweisung, über 12.000 Häuser abzureißen.
Majd al Krum mit seinen 9.500 Einwohnern liegt auf dem Pass zwischen Ober- und Untergaliläa. In seinem Norden erhebt sich ein steiler Berg. Im Süden wurde das Dorf von der Straße begrenzt, die Safed im Osten mit Akko im Westen verbindet, doch vor drei Jahren hat der Bedarf an Wohnraum hat Majd al Krums Bewohner veranlaßt, auf ihrem Ackerland auf der anderen Seite der Straße ein neues Viertel, Dil al-M’sil, zu bauen.
Nur für vier der 20 Häuser von Dil al-M’sil existieren Baugenehmigungen, für zwölf Häuser liegen inzwischen Abrißbefehle vor.
Ali ist der älteste der Söhne von Samih Salameh, Mit seiner Frau und den drei Kindern lebt er bei seinen Eltern, ebenso ein weiterer seiner Brüder und dessen Familie. Außerdem zwei unverheiratete Brüder und zwei unverheiratete Schwestern. Der Vater der Familie, Samih Salameh, hat 23 Jahre in den nahegelegenen Steinbrüchen gearbeitet und Geld für ein neues Haus gespart. Es sollte die Familien von Ali und seinem verheirateten Bruder beherbergen. Das hätte im elterlichen Haus Platz geschaffen und den übrigen Brüdern die Möglichkeit gegeben, ebenfalls zu heiraten.
Die Bulldozer, die auf Anweisung des Regionalen Planungsbüros, einer Zweigstelle des israelischen Innenministeriums kamen, haben dies Hoffnung zerstört. Zweimal.
„Drei Jahre haben wir gebraucht, um das Haus zu bauen. Natürlich haben wir uns an das Planungsbüro gewandt und um eine Bauerlaubnis gebeten. Wir haben Karten und Pläne vorgelegt“, erzählt Ali Salameh. „Alle neuen Häuser in Dil al-M’sil wurden ohne Genehmigungen gebaut, weil die Behörden sie verweigert haben. Wir vermuten, daß sie das Viertel räumen und die Verwaltung des Landes an Carmiel, einer sich gerade entwickelnden jüdischen Stadt, übertragen wollen. Wir waren mißtrauisch. Trotzdem haben wir 3000 Schekel (ca. 600 EUR) für die Erlaubnis bezahlt - und haben statt dessen den Abrißbefehl bekommen.“
Die Familie wandte sich ans Gericht und beantragte, die Aufhebung dieser Anordnung. Eineinhalb Jahre vergingen, ohne daß etwas geschah, bis es im letzten Mai plötzlich hieß, zwölf Häuser in Dil al-M’sil seien zum Abriß bestimmt. Die Bulldozer kamen am 03. Juni 2002, nur wenige Tage, bevor Ali Salameh und seine Familie ihr Huas beziehn wollten. Sie kamen mitten in der Nacht, von starken Polizeikräften und Grenzposten begleitet. „Das Dorf erwachte vom Ruf von der Moschee“, sagt Ali, „der die Leute aufforderte zu dem Haus zu gehen, Majd al-Krum und das Recht seiner Bewohner, auf ihrem eigenen Land zu leben und zu bauen, zu verteidigen. Die Straße war voller Leute, als sei es mitten am Tag.“
Ibtihaj Salameh, Alis Mutter, beschreibt die folgenden Tage,: „Innerhalb von 24 Stunden nach dem Abriß wurden dank der Entschlossenheit der Dorfbewohner neue Fundamente gelegt. Das war eine spontane Aktion. Jeder gab, soviel er konnte, ob Geld, Baumaterial oder Arbeitskraft. Wir errichteten ein Zelt, um da nächste Haus zu schützen. Wir waren entschlossen nicht zu weichen, bis Ali und seine Familie einzögen.“
Das Gericht nimmt Rache
Das Haus wuchs. Doch am 06. Juni 2002 wies das Gericht die Polizei, ohne die Familie vorzuladen, erneut an, es zu zerstören. Zehn Tage später erfuhr die Familie auf inoffiziellen Kanälen, daß die Bulldozer um ein Uhr morgens anrücken sollten. „Wir haben beim Gericht einen Antrag auf einstweilige Anordnung gestellt, den Abriß zurückzustellen“, erzählt Ali Salameh. „Zu unserem Erstaunen behauptete der Richter, mit die Wiederaufbau des Hauses hätten wir ihm ins Gesicht gespuckt und deshalb bleibe der Abrißbefehl bestehen. Außerdem forderte er 20.000 Schekel (ca. 4.000 EUR) von uns, weil das Gericht wegen uns außerhalb seiner Dienstzeiten zusammentreten mußte.“
Vom Verlust ihres Hauses und der Sinnlosigkeit weiteren Widerstandes überzeugt, kehrte die Familie ins Dorf zurück. Sie bat den Imam, die Leute nicht zum Widerstand aufzurufen, damit es nicht zu Auseinandersetzungen mit der Polizei käme. „Wir hatten Angst, es könnten viele getötet und verletzt werden“, erklärt Ali. Diesmal rückten noch stärkere Polizeikräfte ins Dorf ein. Sie patrouillierten mit Pferden und mit Panzerwagen, blockierten die Straße und schlugen jeden, den sie dort antrafen.
Noch am Morgen vor dem zweiten Abriß waren fünfzehn Leute aus dem Dorf zu Verhören vorgeladen worden, Mitglieder es Gemeinderats, politische Aktivisten, Jugendliche. Ihr Rechtsanwalt Jamal Sha’aban berichtet, daß sie unter dem Vorwurf, Spenden gesammelt und die Dorfbewohner zum Wiederaufbau von Alis Haus aufgehetzt zu haben, mehrere Stunden befragt wurden. „Das Ziel war, jeden einzuschüchtern, der es wagte, sich dem für die nächste Nacht geplanten Abriß entgegenzustellen.“ Sha’aban widerspricht der Bitte der Familie, das Haus nicht zu verteidigen oder wieder aufzubauen. „Beim ersten Mal gehörte das Haus Ali Salameh, aber nachdem es vom ganzen Dorf wieder aufgebaut worden war, war es das Eigentum von Majd al-Krum. Wir müssen es auch gegen den Willen der Familie verteidigen.“
Die Familie Salameh setzte sich jedoch durch: Das Haus wurde zum zweiten Mal zerstört und niemand wehrte sich.
Die Regierung macht ein „Angebot“
Allerdings veranlaßte der Zorn des Dorfes die Regierung, nun doch aktiv zu werden. Zwei Tage nach dem zweiten Abriß, am 19. Juni 2002, veröffentlichte das Innenministerium eine Presseerklärung mit der Überschrift „Ein Bauplan für die Bewohner von Majd al-Krum“. Damit reagierte sie auf die Behauptung der Dörfler, daß es für Majd al-Krum weder einen Bebauungsplan noch Baugebiete gebe. Das Ministerium verkündete: „ ... In den Büros des Regionalrats für Planung und Bau, (...) liegt ein bereits beschlossener Bauplan für Wohnungen östlich des Dorfes auf dem Land der ILA vor. Nächsten Monat wird die ILA damit beginnen, Wohneinheiten in diesem Gebiet zum Kauf anzubieten“ (al-Ittihad, 21.06.02). Bis jetzt ist kein einziges Grundstück zum Kauf angeboten worden.
Im August bat die arabischsprachige Zeitschrift al-Sabar um Auskunft, ob es zutreffe, daß das Regionale Planungsbüro im August 1999 bereit war, Dil al-M’sil anzuerkennen und dort ein regionales Sportstadion, einen öffentlichen Park und eine Teil der Bahnstrecke Akko-Safed zu bauen. Dies behaupte jedenfalls der Gemeinderat von Majd al-Krum.
Die schriftliche Stellungnahme des Ministeriums enthielt u.a. folgende Passage: „Wir haben niemals einem Bebauungsplan für Majd al-Krum zugestimmt, der das Viertel Dil al-M’sil eingeschlossen hätte.“ Dies war der erste öffentliche Hinweis, daß das Ministerium sich tatsächlich entschlossen hatte, Dil al-M’sil loszuwerden.
Muhammad Sha’aban, ein Mitglied des Gemeinderats, hat das bestätigt. Gegenüber al-Sabar erzählte er, das Wohnungsbauministerium habe in einer nichtöffentlichen Sitzung einen Bebauungsplan „Majd al-Krum 2020“ verabschiedet, der Dil al-M’sil nicht einschließe. Diesem Plan zufolge solle sich das Dorf nach Osten in Richtung Be’neh und nach Westen in ein Gebiet, das jetzt von Olivenhainen bedeckt ist, ausdehnen. Sha‘aban bestätigte auch, daß das Innenministerium die Freigabe von Baugrund von der Bedingung abhängig gemacht hat, daß der Gemeinderat alle Ansprüche auf das Gebiet von Dil al-M’sil aufgibt, obwohl der Boden den Leuten aus dem Dorf gehört. Damit benutzt die Regierung den Wohnungsmangel als Druckmittel. „Der Gemeinderat ist gegen den Plan des Innenministeriums“, sagt Sha’aban. „Er fordert, daß Dil al-M’sil dem Verwaltungsbereich des Dorfes zugeschlagen wird.“
Die Sprecher des Innenministeriums, Tova Elinson streitet ab, daß ihr Ministerium für die Freigabe von Baugrund Bedingungen gestellt habe.
Tatsache bleibt, daß kein Baugrund freigegeben wurde. 



