Checkpoint Tod
von
Asma Agbarieh

Uhr früh am Donnerstag, den 12. Februar 2004. Einer nach dem Andern erreichen Männer aus Gaza am Sammelpunkt für Tagelöhner in Jaffa. Sie sind die wenigen Glücklichen, denen es an diesem Morgen gelungen ist, den Checkpoint Erez, den sie Checkpoint Tod nennen, am nördlichen Ende des Gazastreifens zu passieren. Tausende ihrer Kollegen sind zurückgeblieben, trotz der enormen Beträge, die sie für ihre Arbeitserlaubnis bezahlt haben.
Der israelische Premierminister Ariel Sharon hat seine Absicht erklärt, Israel unilateral von den Palästinensern zu „trennen“. Niemand hat diese Arbeiter gefragt, was sie davon halten, obwohl sie mehr als jeder andere die Verbindung zwischen Gaza und Tel Aviv verkörpern.
Spießrutenlaufen
Abu Yasser, 51, ein Verputzer als Sheikh Radwan, ist der einzige Ernährer von zwölf Kindern. Er beschreibt sein Leben: „Der Tag eines Arbeiters beginnt morgens um ein Uhr, wenn er sein Haus verlässt und sich auf den Weg zum Checkpoint macht. Es gibt auch welche, die ab sieben Uhr abends da warten. Von 15.000 Arbeitern, die Arbeitsgenehmigungen haben, kommen höchstens 3.000 rein. Die Soldaten lassen die Arbeiter sich in Dreiergruppen aufstellen. Sie befehlen ihnen, mit einer Hand ihre Hemden anzuheben und ihre Bäuche zu entblößen und mit der anderen ihre Arbeitserlaubnisse zu zeigen. Eng gedrängt mühen sich die Arbeiter durch zwei oder drei Drehtüren zu gelangen, von denen jede einen halben Meter breit ist. Der Stau vor den Türen lässt alles langsam vorangehen. Dadurch vergrößert sich das Gedränge und die Arbeiter werden so zusammengedrückt, dass sie kaum noch atmen können. Mehr als einmal sind Arbeiter hingefallen und von den Füßen ihrer Freunde zertrampelt worden. All dem setzen wir uns aus, um unseren Kindern ein bisschen Brot nach Hause zu bringen.
Heute musste ich Gewalt anwenden um rein zu kommen, weil ich überhaupt kein Geld mehr habe. Ich schwöre bei Gott, im ganzen Haus gibt es kein Essen mehr. Ich musste mir 30 Schekel leihen, um nach Jaffa zu kommen. Aber auch nach alledem gibt es keine Garantie, dass ich heute Arbeit finde.“
Bauunternehmer auf der Suche nach Arbeitskräften fahren an die Kreuzung heran. Einer der Arbeiter, Ahmed, rennt zu einem Auto, verhandelt, doch dann kommt er zu der Gruppe zurück. Er verlangt 350 Schekel, (ca. 80 Dollar) für einen Tag Arbeit. „Du bist zu teuer, Ahmed“, sagen wir. Voll Selbstvertrauen antwortet er: „Weil ich goldene Hände habe. Ich bin 51 und habe 30 Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Ich kann die schwierigsten Arbeiten blind ausführen. Die Bosse beuten uns aus. Sie versuchen unseren Lohn zu drücken und manchmal bezahlen sie uns gar nicht. Genügt es nicht, dass wir 2.000 Schekel an PERMIT-CONTRACTOR zahlen müssen, um in Israel arbeiten zu dürfen?“
Abu Muhammad Najar, 45, erreicht die Kreuzung, Der Vater von sechs Kindern ist MOLDER und Steinmetz. Stolz erzählt er, dass seine älteste Tochter Medizin studiert. „Ich hätte um halb sieben hier sein müssen“, sagt er. „Der Unternehmer, für den ich arbeite, kann nicht länger als eine halbe Stunde warten. In Erez hat es so lange gedauert, vor 7:30 Uhr habe ich es nicht hierher geschafft.“ Er erzählt, dass er seit halb zwei Uhr morgens am Checkpoint war. Wenn er es irgendwie schafft Arbeit zu finden, wird er um vier Uhr aufhören zu arbeiten und um acht Uhr zu Hause sei. Er wird duschen, zu Abend essen und seine schlafenden Kinder küssen. Die kleinste, sie ist sieben, wird aufwachen und „Papa, Papa ....“ murmeln. Das ist, sagt er, „einer der schwersten Augenblicke“, weil er keine Zeit hat mit ihr zu spielen. Er muss drei oder vier Stunden Schlaf bekommen, ehe der Alptraum von Neuem losgeht: Die Rückkehr zu der Männerhorde an den Toren des Checkpoints.
Politische Geiseln
Wir unterhalten uns weiter mit Abu Muhammad Najar. Mehr als zwanzig Jahre hat er in Israel gearbeitet. Während der letzten drei Jahre, erzählt er, ist es immer schlechter geworden. „Nach dem Beginn der zweiten Intifada wurde der Checkpoint geschlossen. Gerade einmal vor sechs Monaten ist er wieder geöffnet worden. Es war immer schwierig. Während der letzten beiden Monate aber, seit Rim getan hat, was sie getan hat, (Rim Al-Riashi sprengte sich am 14. Januar 2004 am Checkpoint Erez in die Luft und tötete vier Israelis – A.A.) ist die Situation unerträglich geworden – und unlogisch.
Ahmed unterstützt ihn: „Ich kenne Arbeiter, denen es seit dem nicht ein einziges Mal gelungen ist, durch zu kommen. Zwei ganze Monate ohne Einkommen. THERE’S NO CALL, sowas an einem Ort zu machen, an dem sich Arbeiter sammeln.“
„Sind die neuen Maßnahmen, die Israel am Checkpoint eingeführt hat, ein Resultat von Selbstmordattentaten?, fragen wir.
„Ganz und gar nicht“, antwortet Ahmed. Wenn die Israelis Sicherheit wollen, wohl bekomm’s. Aber einer, der sterben will, wird daran nicht durch Checkpoints und Sicherheitsuntersuchungen gehindert. Im Gegenteil: Israel hat kein Interesse daran, Arbeiter herein zu lassen. Sonst würde es zwanzig Tore öffnen statt zweien. Sie quälen uns einfach gern.“
Abu Yasser sagt: „Was die Israelis an den Checkpoints machen hat mit Sicherheit nichts zu tun. Meint Ihr, ein Arbeiter, der um ein Uhr morgens aufsteht, um Brot für seine Kinder zu besorgen, würde so etwas tun?“
Muhammad Yusef, 41,beteiligt sich an dem Gespräch. Er ist wütend: „Wann ist es je vorgekommen, dass ein Arbeiter sowas getan hätte? Warum machen sie die Grenzen vor unserer Nase dicht? Das machen die Israelis ständig: Sie verknüpfen unser Schicksal als Arbeiter mit der Politik. Wenn die politische Situation okay ist, sind wir es auch. Ist sie es nicht, dann um so schlimmer für uns.“ Muhammad Yusef ist Vater von elf Kindern. Er lebt in Shuja’iyya, dort hat die Armee am 11. Februar 2004 fünfzehn seiner Nachbarn getötet.
Gaza ohne Tel Aviv?
„Was haltet Ihr von dem Plan, sich von Gaza zu trennen?“, fragen wir. Abu Yasser antwortet sofort: „Sharon macht sich über die Araber lustig. Man kann ihm nicht glauben. Er will die Siedlungen aus Gaza rausholen und in die Westbank transplantieren. Israel hat schon seit Langem kein Interesse Gaza zu behalten.“
„Was denkt Ihr, was würde es für Gaza bedeuten, WENN SICH ISRAEL EINSEITIG ZURÜCKZIEHT?“, fragen wir weiter.
„Es bedeutet, dass die Leute in Gaza einander auffressen werden“, sagt Abu Yasser. „Es wird keine Arbeit geben. Was sollen wir essen? Eineinhalb Millionen Menschen! Es stimmt, Gott ernährt uns, aber bestimme Voraussetzungen müssen da sein. Es muss Arbeit geben.“
Ahmed ergänzt: „Ein einseitiger Rückzug ist keine gute Lösung. Sie müssen eine Vereinbarung mit der PA (Palästinensische Autonomiebehörde – A.A.) treffen. Wenn sie die Arbeitsplätze, die verloren gehen, nicht ersetzen, wird es Probleme geben. Der Präsident und unsere Gewerkschaften werden sicherstellen müssen, dass wir nicht umkommen. Vielleicht finden sie für uns Arbeit im Ausland, z.B. in Saudi Arabien. Alles, was wir wollen, ist ein Ende der Besatzung, damit wir leben können. Alles, was wir wollen, ist arbeiten und unsere Kinder ernähren zu können.“
Wir fragen: „Israel rechtfertigt die Trennung, in dem es sagt, es sei der einzige Weg, der ihm noch bleibe, um mit der Intifada fertig zu werden. Was haltet Ihr von diesem Argument?“
„Die Intifada ist ausgebrochen, weil Menschen ihre Rechte eingefordert haben“, erklärt Abu Muhammad Najar. „Wenn Israel Sicherheit und Frieden will, muss es auch Anderen ihr Recht auf Freiheit geben. Was Israel heute in Rafiah, Khan Yunis und Gaza-Stadt macht, ist ein Massaker. Ich komme hierher um für meinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Wenn mich die andere Seite tötet, verwundet oder kaputt macht, ist es natürlich, dass es eine Reaktion gibt. Sicherheit für nur eine Seite gibt es nicht.“
Das Interview ist zu Ende. Die Arbeiter aus Gaza sind wieder unsichtbar geworden. Niemand fragt sie, wie sie die Dinge sehen. Niemand will es wissen. Niemand fragt sich, ob sie morgen nach Jaffa zurückkehren werden oder unter den Füßen ihrer Arbeitskollegen zertrampelt werden. Werden sie den Checkpoint Tod überwinden oder wird er sie bezwingen?
Epilog
Vier Tage, nachdem wir mit den Arbeitern in Jaffa gesprochen hatten wurde Muhammad Ibrahim Said al-Sheikh, 41, aus al-Darj in Gaza, nachdem er die ganze Nacht am Checkpoint Erez gestanden hatte, morgens um 6:30 Uhr zu Tode gequetscht.
Zeugenaussage von Muhammad, einem Bauarbeiter aus Gaza: „Wenn Ihr an meiner Stelle wärt ..“
„Was wirst Du tun“, fragten wir, „wenn sich Israel von Gaza abkoppelt?“
„Ich werde nach Schweden gehen! Gott hat noch andere Orte geschaffen, außer Israel, oder?“ Mit diesen Worten begann Muhammad, ein Steinmetz aus Gaza und Vater von 15 Kindern, einen Monolog, den wir hier vollständig wiedergeben:
„Ich schwöre bei Gott, einer aus Gaza, der in Israel arbeitet, hält das nicht länger als fünf Monate durch. Dann bricht er zusammen.
In Erez anzustehen ist anstrengender als fünf Tage Arbeit. Ich könnte platzen von der Steherei. Ich bin schrecklich krank geworden. Weil sie uns zur kältesten Zeit des Tages zwingen, unsere Mäntel auszuziehen und unsere Bäuche zu entblößen, die völlig verschwitzt sind von dem grauenhaften Gedränge. Aber das genügt ihnen nicht. Sie richten ihre Gewehre auf unsere Bäuche. Ich habe mir im ganzen Leben nicht die Folter vorgestellt, die wir hier durchmachen. Tiere werden von ihnen nicht so behandelt.
Es gab mal eine Zeit, da konnten wir das Haus um fünf Uhr morgens verlassen und waren um halb sieben in Jaffa. Jetzt stehe ich jeden Abend um 10 Uhr am Checkpoint. Ich bin ganz verrückt von all den Dingen, die ich gesehen habe. Bis jetzt sind zwei Männer direkt vor mir gestorben. Zehn wurden verletzt. Ich weiß nicht, was sie wollen, warum sie uns so etwas antun.
Sie sagen, es geht um Sicherheit, aber das ist nicht wahr. Was für eine Sicherheit bekommen sie, wenn wir unsere Bäuche vor ihnen entblößen. Wir sagen ihnen, dass wir in Frieden gekommen sind um zu arbeiten und unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Reicht es nicht, dass wir in Gaza nicht überleben können? Hier stehe ich, ein Steinmetz und MOLDER, und meine Chancen heute Arbeit zu finden, sind gleich Null. Wer wird mich morgens um 8:30 Uhr noch anstellen?
Diese Woche bin ich zweimal durch den Checkpoint durchgekommen. Jeden Abend bin ich um 10 Uhr da und meine Kinder sind noch nicht im Bett. Warum geh ich hin? Mache ich es nicht um zu arbeiten. Ich verstehe das nicht. Wenn Ihr an meiner Stelle wärt .. Was denkt ihr, wie es ein Mann schafft, acht Stunden lang am Checkpoint zu stehen? Er kann sich nicht einmal erleichtern bei dem Gedränge.
Unser Leben ist eine Tragödie. Manchmal denke ich daran nach Schweden zu gehen. Was mich in Gaza hält, sind meine Kinder. Sagt mir, was ich tun soll. Ich hoffe, ich kann wenigstens Arbeit finden um durchhalten zu können. Wenn Gott will, wird es eine Lösung geben und wir werden zusammen leben können, Palästina und Israel, eines neben dem anderen. Möge Gott es geben.“ 
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