Mehr Artikel von
Asma Agbarieh
Keywords
Antisemitismus,
Salem, Ali,
Alloush, Ibrahim,
Zionismus,
Leon, Abram,
Almasiri, Abed Alwahab,
Herzl, Theodor
Flirt mit dem Antisemitismus
von
Asma Agbarieh

o wie die israelische Gewalt in den palästinensischen Gebieten wächst, so wächst auch der Flirt der arabischen Meinungsmacher, der Schriftsteller, Journalisten und Künstler, mit dem Antisemitismus. Die Protokolle der Weisen von Zion (eine zaristische Fälschung, oft von Hitler zitiert, die die Juden der Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft bezichtigt) verkaufen sich auf den Straßen der Westbank und in arabischen Hauptstädten wie warme Semmeln. Eine Fernsehserie, die auf den Protokollen basiert, hat im letzten Jahr während des Ramadan in Ägypten alle Einschaltquoten gebrochen. In diesem Jahr gab der libanesische Hizb’ollah-Sender im Ramadan al-Shatat („Diaspora“) den Vorzug; es wiederholte die Vorstellung einer geheimen jüdischen Weltregierung. Alte Theorien tauchen in neuer Gestalt wieder auf und leugnen jeglichen Unterschied zwischen Zionismus und Judaismus. Sie bereiten den Boden für unmoralische (und unrealistische) Lösungen, wie die Unterstützung von Selbstmordanschlägen gegen Juden, als einziges Mittel, den Zionismus zu besiegen.
Der scheidende malaysische Premierminister Mahathir Muhammad wandte sich am 16. Oktober 2003 an den Islamischen Gipfel und verdammte die Selbstmordattentate in der Tat als unproduktiv. Andere muslimische Führer erhoben keine Einwände, als er hinzufügte: „1,3 Milliarden Muslime können nicht von ein paar Millionen Juden geschlagen werden ... Die Europäer haben von zwölf Millionen Juden sechs Millionen getötet. Aber heute regieren die Juden die Welt aus der Ferne.“
In Folge des internationalen Aufruhrs, den diese Bemerkung auslöste, strahlte der arabische Satellitensender am 28. Oktober 2003 eine Sendung namens „Entgegengesetzte Richtungen“ aus. Diese beinhaltete eine telefonische Umfrage, der zufolge 98 % der Zuschauer die Behauptung Mahathir Muhammads unterstützen.
Der Antisemitismus, der heute in der muslimischen und arabischen Welt auftaucht, ist eine aus Europa importierte Antiquität samt aller Stereotypen und Lügen. Er entspricht dem Bedürfnis nach Rache. Dieses Bedürfnis stammt, allgemein gesagt, aus der Zerstörung der arabischen Hoffnungen auf ein besseres Leben innerhalb der neuen amerikanischen Ordnung und im Besonderen aus den abscheulichen Lebensbedingungen der Palästinenser seit der Unterzeichnung der Osloer Verträge. Der neu-alte Antisemitismus wird als Deckmäntelchen ihrer Unfähigkeit von den Führern und Meinungsmachern gefördert. Sie erklären die militärische und ökonomische Überlegenheit Israels, indem sie sich auf die Stereotypen der konspirierenden, wohlhabenden, Fäden ziehenden, dämonischen Juden stützen, und verschleiern so die Verantwortlichkeit ihrer eigenen Regime.
„Entgegengesetzte Richtungen“ präsentierte den ägyptischen Schriftsteller Ali Salem, der für eine Normalisierung der Beziehung mit Israel eintritt, und Dr. Ibrahim Alloush, einen Jordanier palästinensischer Herkunft. Alloush stimmt mit den genannten 98 % überein. Früher war er unter arabischen Intellektuellen für seine progressiven Positionen bekannt. Er erhebt seine Stimme gegen den Imperialismus. Jordanien nahm ihn wegen seiner Opposition gegen Amerikas Krieg gegen den Irak kurzzeitig fest. Doch sein Antizionismus nimmt die Form von Antisemitismus an. Die meisten anderen arabischen Intellektuellen enthalten sich der Kritik an seinen Positionen. Statt die allgemeine allgemeine Stimmung auf Pfade zu lenken, die revolutionär, vernünftig und moralisch sind, schrecken sie vor ihr zurück.
Während der Sendung zitierte Alloush zur Verteidigung von Mahathir Muhammads Statement Zahlen, die den unverhältnismäßigen jüdischen Einfluss in Amerika beweisen sollten. Er zitierte einen jüdischen Autor, Benjamin Ginsburg: Währen die Juden nur 2 % der us-amerikanischen Bevölkerung ausmachen, stellen sie die Hälfte der Milliardäre des Landes und dominieren die drei größten TV-Sender, die vier größten Filmstudios, die New York Times usw. Wenn jemand solche Zahlen anführt, welche Botschaft versteckt sich dahinter? Die, dass die Juden solchen Einfluss nur durch den Protokollen entsprechende, frevelhafte Methoden errungen haben können.
Antisemitismus schafft seltsame Bettgenossen. Da haben wir den „progressiven“ Ibrahim Alloush, der für Mahathir Muhammad Partei ergreift, der während seiner 22-jährigen Herrschaft in Malaysia Opposition, Medien, Minderheiten und Arbeitsmigranten unterdrückt und Amerikas Kriege in Afghanistan und Irak unterstützt hat.
Indem sie auf das alte Pferd des Antisemitismus steigen, hören Leute wie Alloush auf, den Konflikt als einen nationalen Konflikt zwischen der zionistischen Bewegung und der arabischen Welt zu sehen. Statt dessen definieren sie ihn entlang ethnisch-religiöser Linien. Sie verlieren den Blick auf den Feind.
Judaismus = Zionismus?
Die Herzl-Falle
Alloushs Positionen bedürfen der Prüfung, denn sie repräsentieren die öffentliche Meinung. Alloush widersetzt sich, wie er es nennt, „simplizistischen Unterscheidung“, die progressive Kreise einst machten, indem sie sagten: „Wir wenden uns gegen den Zionismus, aber wir sind nicht gegen Juden.“ Alloush ruft aus: „Ist der Zionismus vom Himmel gefallen oder ist er aus den Juden und dem Judaismus entstanden?“ Er lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wohin seine Position führt, wenn er weiter ausführt: „Wenn ein (israelischer) Jude mir sagt, "Ich unterstütze die Rechte des palästinensischen Volkes‘, frage ich ihn, "Was tust Du dann auf meinem Land und in meinem Haus? Wenn Du wirklich die palästinensischen Rechte unterstützt, warum verlässt Du dieses Land dann nicht?‘“
Nachdem er den Zionismus mit Judaismus gleichgesetzt hat, geht Alloush zum nächsten Schritt über, den alle machen, die an die heimtückische Weltmacht der Juden glauben: Er nennt den Holocaust einen Schwindel. (Im Mai 2001 haben wir über seine erfolglosen Versuche berichtet, in Beirut und Amman Konferenzen „revisionistischer Historiker“ abzuhalten, vgl. Challenge #67). In einem Interview mit dem Institute for Historical Review (
www.ihr.org) sagte Alloush: „Es muss klargestellt werden, das im 2. Weltkrieg mehrere hunderttausend Juden gestorben sind, zusammen mit zehn Millionen anderen; es hat keine Nazipolitik zur Ausrottung der Juden gegeben, sondern vielmehr eine der Deportation, einschließlich der Deportation nach Palästina; und dass es keine Gaskammern gegeben hat, sondern Krematorien, die benutzt wurden, die Körper aller, aus allen Nationen und Religionen, zu verbrennen, die aus allen möglichen Gründen, aber in erster Linie an Krankheiten gestorben sind. Die jüdischen Verluste sind nicht einzigartig und geschahen nicht auf einzigartige Art und Weise. Sie rechtfertigen keinen Schuldkomplex im Westen und auch keine wie auch immer geartete Bevorzugung der Juden.“
Solch Revisionismus ist grotesk und moralisch zu verurteilen. Auch stärkt er die israelische Sache. Die hinter ihm stehende Logik ist Folgende: Es hat keinen Holocaust gegeben, also gibt es auch keine Notwendigkeit für Israel. Als ob der Holocaust Israel begründen/rechtfertigen würde! Als wenn der Genozid, den die Europäer begangen haben, die Enteignung der Palästinenser rechtfertigt! Es gibt genug Gründe gegen den Zionismus zu sein, ohne das verabscheuungswürdigste Verbrechen, das der europäische Faschismus je vollbracht hat, schön zu färben!
Der Zionismus rechtfertigt sich durch die Annahme, dass Juden als solche unter nichtjüdischen Nationen nicht leben können. Im Gegensatz zu anderen Nationen, sagt er, hat der Judaismus eine nationale Komponente und deshalb müssen Juden einen „jüdischen Staat“ haben. Und da kommt Alloush und behauptet, dass der Judaismus tatsächlich eine nationale Komponente, nämlich den Zionismus, habe und demonstriert, wie unerwünscht Juden sind. Indem diese Argumentain die angebliche Notwendigkeit eines jüdischen Staates untermauert, dient sie der zionistischen Sache.
Nichts im Judaismus führt zwangsläufig zur Entstehung des Zionismus. Letzterer ist in der Tat innerhalb der Geschichte des jüdischen Volkes entstanden, enger wird die Verbindung aber nicht. Die Gebete für eine Rückkehr nach Zion und den Wiederaufbau des Tempels sind verbunden mit dem messianischen Zeitalter, weshalb sich auch seit Jahrzehnten die meisten ultraorthodoxen Juden gegen den Zionismus wenden. Eine säkulare nationale Bewegung, der Zionismus, benutzte die jüdische Frage und den Antisemitismus als ideologische Deckung für koloniale Siedlungspolitik auf Kosten eines anderen Volkes. Sie brauchte einen größeren Vorwand.
Früheren kolonialen Bewegungen war es unter dem Deckmantel, das Christentum zu verbreiten, gelungen, fremde Gebiete zu beherrschen, die Bewohner zu versklaven oder zu vertreiben. Doch die zionistische Bewegung kam ungünstigerweise spät, als der Kolonialismus bereits im Schwinden war. 1948 wurde ethnische Säuberung als Kriegsverbrechen betrachtet.
Für eine akkurate Analyse der Entstehung des Zionismus täten arabische Experten gut daran Abram Leon zu lesen, einen jüdischen Marxisten, den die Nazis 1944 ermordeten. In seinem Buch Die jüdische Frage: Eine marxistische Interpretation
www.marxists.de/religion/leon, argumentierte Leon, der Zionismus sei „die Ideologie des jüdischen Kleinbürgertums, das zwischen den Trümmern des Feudalismus und dem Niedergang des Kapitalismus erstickt.“ Im feudalen Osteuropa, schrieb er, hatten die Juden eine unentbehrliche Position zwischen Aristokratie und Bauernschaft inne. Als der Feudalismus zusammenbrach, verließen sie die Dörfer und zogen in die Städte. So lange der Kapitalismus gedieh, ging es ihnen gut, suchten sie die Assimilation, dachten sie nicht an Zion. In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann der Kapitalismus, gefangen zwischen Überproduktion und sinkender Nachfrage, in Europa niederzugehen und intensivierte seine Suche nach Märkten anderswo (Imperialismus). In de Mutterländern begann die nicht-jüdische Kleinbourgeoisie mit ihrem jüdischen Gegenpart zu konkurrieren. (Polnische Antisemiten nannten dies den „Wettstreit der Geschäftspositionen“.) Unter diesem Umständen schlug die moderne kapitalistische Version des Antisemitismus Wurzeln, auch wenn sie sich bald von den Spuren seiner älteren Formen nährte.
Aus ihren Läden und Handwerk gedrängt blickten einige Juden aus dem Kleinbürgertum nach „Zion“, nahmen europäische Vorstellungen von Nationalismus an und die Bewegung war geboren. Sie versuchte in Palästina auf dem Rücken des Empires einzureiten, zunächst dem türkischen, dann dem britischen. „Ein Übel kann nicht unterdrückt werden“, schreibt Leon, „ohne seine Ursachen zu vernichten. Aber der Zionismus möchte die jüdische Frage lösen ohne den Kapitalismus zu zerstören, der die Hauptursache für das Leiden der Juden ist.“
Zionismus als Ableger des Imperialismus
Abed Alwahab Almasiri, ein Experte für jüdische Geschichte, hat ein Buch mit dem Titel Die Protokolle, Judaismus und Zionismus veröffentlicht (Kairo 2003). Diese progressive und wissenschaftliche Werk ist außergewöhnlich: Es argumentiert gegen die Vorurteile, die derzeit in der arabischen Welt verbreitet sind.
Almasiri erklärt: „Der zionistische Einsatz von Gewalt (in den palästinensischen Gebieten) ist ein natürliches Produkt einer rassistischen imperialistischen Kultur, in deren Rahmen diese Bewegung agiert hat. Der Zionismus ist nur im Zuge der völligen Realisierung des westlichen Imperialismus zur vollendeten Tatsache geworden und er agiert weiterhin in diesem Rahmen. Er begreift die Welt gemäß der imperialistischen politischen Karte.“
„Herzl“, fügt Almasiri hinzu, „ verstand, dass der Westen die Juden los werden konnte, indem sie sie an einen Ort außerhalb seiner Grenzen lenkte. Er verstand, dass die einzige Möglichkeit, dass sein zionistisches kolonialistisches Projekt funktionieren würde, darin bestand, an den westlichen Imperialismus zu appellieren.“
Almasiri sieht den Grund für die Macht der zionistischen Lobby in den Diensten, die der Zionismus den amerikanischen imperialistischen Interessen leistet. Er sagt: „Die zionistische Bewegung ist nicht Teil der jüdischen Geschichte Sie ist nicht Teil der Torah oder des Talmud, auch wenn sie sie zur Schönfärberei verwendet hat. Der Zionismus gehört in die Geschichte des westlichen Imperialismus. Er ist dessen Lösung der jüdischen Frage.“
Die Verbindung von Zionismus und Kapitalismus ist auch ein Thema des kürzlich erschienenen Buchs von Shimshon Bichler und Jonathan Nitzan m’revachei milhama l’dividendim shel shalom (Jerusalem, Carmel 2001, p.479, Cf. pp. 354-56 in der englischen Ausgabe, From War Profits to Peace Dividends, London, Pluto Press, 2002):
„Die Entwicklung der 1990er Jahre kündigt das Ende der zionistischen Gesinnung an. Im Laufe des 20. Jahrhunderts ging die zionistische Bewegung Hand in Hand mit der kapitalistischen Entwicklung in der Welt. Als dominante Ideologie gelang es ihm „nationale“ Interessen mit den Prozessen der Kapitalakkumulation zu verbinden. In Gestalt politischer Parteien gelang es ihm Klassenkonflikte zu entschärfen und mobilisierte eine heterogene Bevölkerung aus Immigranten für einen konstanten Krieg gegen gemeinsame nationale Feinde. In seiner politischen Erscheinungsform half er einen auf Krieg ausgerichteten Kapitalismus zu erschaffen, der sich weltweit als einer der am besten ausgerüstetsten erwiesen hat. Die herrschende Klasse Israels hat sich im Laufe der zionistischen Geschichte herauskristallisiert und ihre Herrschaftsmittel seit der kolonialen Periode verändert: waren es zunächst staatliche Institutionen, trat sie dann als dominante einheimische Gruppe hervor und ging später zum gegenwärtigen Transnationalismus über. Erst Ende der 1990er sehen wir zum ersten Mal einen Widerspruch zwischen den einerseits transnationalen Interessen des dominanten kapitalistischen Sektors und den existentiellen Interessen der jüdischen und arabischen Bevölkerung Israels andererseits.“
Wie sollte der Zionismus bekämpft werden?
Wenn wir den Zionismus wie Alloush als Produkt des Judaismus begreifen, dann ist die unvermeidliche Folge, dass wir ihn beseitigen können ohne den „Judaismus“ zu beseitigen – und hinter dieser Schutzbehauptung lauert das Gespenst eines neuen Holocaust. Hier wenigstens ist Alloush konsequent: Mit einem Punkt in der genannten Rede Mahathir Muhammads stimmt er nicht überein. Dieser hat die Selbstmordattentate verurteilt. Alloush betrachtet sie nicht als Terrorismus sondern als Märtyrertum:
„Ohne Aktionen vor Ort, ohne Volksaufstände, militärische Operationen und, ja, wenn nötig menschliche Bomben wird die öffentliche Meinung im feindlichen Lager in ihrem Sieg sonnen und sich nicht auf die Seite der Unterdrückten stellen.“ („The Question of Pro-Palestinian Jews“,
www.freearabvoice.org, eine von Alloush herausgegebene Website).
Doch wenn wir Zionismus als Teil einer historischen Entwicklung verstehen, wenn wir verstehen, dass er nur im Rahmen des kapitalistischen Imperialismus möglich wurde, dann kommen wir zu einem ganz anderen Schluss: dass die Niederlage des Zionismus nur durch den Kampf gegen den Kapitalismus erreicht werden kann. Dies wird andere Grundlagen erfordern, sozialistisch und internationalistisch.
Heute ist der Prüfstein für jeden und jede seine oder ihre Haltung zur palästinensischen Frage und der Besatzung. Jeder Mensch, der sich dem Zionismus entgegenstellt und an die palästinensische Sache glaubt, einschließlich jedem/jeder Israeli, der/die sich entscheidet am Aufbau einer neuen Gesellschaft in diesem Land teilzunehmen, die nicht auf Religion oder Nation basiert, ist ein Verbündeter bei der Suche nach Gerechtigkeit. 



