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01.07.04

kultur

Die Kraft des Wortes

Interview mit dem Schauspieler Hisham Suleiman

E

ine einzigartige Theatergruppe hat sich in Nazareth zusammengefunden. Sie besteht aus zehn Bauarbeitern, sämtlich Mitglieder des Workers Advcie Center (WAC). Auf dessen 1. Mai Feier in Haifa führten sie die ersten Ergebnisse ihrer Arbeit vor: ein selbst verfaßtes Stück mit dem Titel “Wer sind wir?” Mit Werkzeugen auf ihre Essensdosen trommelnd traten die Schauspieler aus der Zuschauerschaft heraus auf die Bühne. Dort versammelten sie sich und begannen Geschichten von ihrer Arbeit zu erzählen. Jede der Geschichten entwickelte sich zu einer Theaterszene.

Leiter der Gruppe ist der Schauspieler Hisham Suleiman, 26 Jahre alt. Er hat sowohl Bühnen- als auch Filmerfahrung (Marat/Sade, Eyes That Can See, Two Minutes from Paradise). In einem Interview hat er über die Arbeit der Gruppe Auskunft gegeben.

Wie ist die Gruppe entstanden?

Wir wollten etwas vorführen, was auf dem Leben der Arbeiter selbst beruht, also haben wir unter unseren Mitgliedern (von WAC, d.Übersetzer) geworben und die Leute eingeladen, bei einer Theatergruppe mitzumachen. Begonnen haben wir mit zwanzig Leuten. Mit der Zeit habe einige aufgehört und zehn sind übrig geblieben.

Wir haben ohne Skript gearbeitet. Wir dachten, es würde interessant sein, zusammen etwas zu schreiben , was auf den Geschichten der Arbeiter beruht. Wir benutzten das Material, das die Teilnehmer persönlich eingebracht haben, das war eine echte Herausforderung. Sogar nervenaufreibend. Eine Menge Schwierigkeiten mußten überwunden werden.

Welche Art von Schwierigkeiten?

Es fällt den Arbeitern schwer, sich zu öffnen und ihre Geschichten zu erzählen, sogar in einer kleinen Gruppe. Das ist einer der Gründe, warum einige aufgehört haben. Sie waren sich der Kraft, die im Erzählen liegt, nicht bewußt. Sie fürchteten, andere würden ihre Geheimnisse entdecken - z.B., daß ich, der Leiter der Gruppe, erfahren würde, daß sie schon mit 13 Jahren begonnen haben zu arbeiten, weil ihre Familie so arm war. Das war zuerst demütigend für sie, aber Stück für Stück haben sie entdeckt, daß die anderen ähnliche Geschichten zu erzählten hatten, ähnliche Probleme. Um ihnen die Befangenheit zu nehmen, habe ich mit einer eigenen Geschichte begonnen, damit sie merken, daß das in Ordnung ist. Sie begannen die Kraft zu begreifen, die darin liegt zu sprechen. Wir hatten viele Diskussionen und jedes Mal habe ich sie gebeten, etwas zu erzählen. Langsam haben sie sich geöffnet.

Doch es gab auch andere Probleme. Einige haben die Gruppe aus religiösen Gründen verlassen, weil der Islam Theater nicht gutheißt. Die, die übrig geblieben sind, sind junge Leute, sehr unerfahren, voller Hoffnungen und Träume. Sie waren rebellisch. Sie wollen alles machen und das hat seine Vor- und Nachteile. Es war schwer, ein Gruppengefühl zu schaffen. Es gab keine Stabilität. Sie kamen nicht immer und wenn, dann manchmal zu spät. Ich versuchte, ihnen ein Verantwortungsgefühl zu vermitteln, ihnen zu zeigen, wie wichtig es ist, sich an einen Zeitplan zu halten, und was es bedeutet, Teil einer Gruppe zu sein. Ich glaube, das Drumherum hat ihnen Fähigkeiten vermittelt, die sie in ihrer Gesellschaft sonst nicht mitbekommen hätten.

Wie ist die Inszenierung entstanden?

Ich habe ihren Geschichten zugehört Sie reflektierten das Leben von Jungen, die begonnen haben zu arbeiten, als sie noch sehr klein waren. Sie erzählten, wie die Arbeitgeber sie betrogen und ausgebeutet haben. Das STück basiert auf ihren eigenen Worten, Worten, die man so leicht nicht wieder vergißt. Wir haben sie nicht verallgemeinert, sondern uns an die Details gehalten: die Momente, die sie ihr ganzes Leben lang begleitet haben - wie es war, als sie zum erstenmal arbeiteten, was geschah, als sie zum ersten Mal auf ihre Chefs trafen. Wenn sie zum Beispiel auf die Bühne, vor ihr Publikum marschieren, machen sie mit ihren Werkzeugen Musik.

Diese Musik beruht auf den Geräuschen, die sie auf den Baustellen hören, Geräusche, die Dich noch im Feierabend begleiten. Einer der Männer hat ein Lied geschrieben, daß wir auf der Bühne eingesetzt haben. Bis dahin hatte er nie geglaubt, schreiben zu können. Vor der Vorstellung hatte er daran gezweifelt, daß irgend jemand den Texten Aufmerksamkeit schenken würde, aber danach kam er zu mir und erzählte, daß es sehr glücklich über sich gewesen sei.

Ein immer wiederkehrendes Thema in der Produktion für den 1. Mai war die Art, wie sich die Arbeiter selbst sehen. An einem bestimmten Punkt saßen die zehn da und diskutierten: Wir sind nichts wert, sind wir doch, sind wir nicht - diese Auseinandersetzung hat in den Gruppendiskussionen tatsächlich stattgefunden. Sie begannen darüber nachzudenken, wer sie sind. Bei der Vorführung haben wir diese Diskussion für das Publikum geöffnet. Im Grunde haben wir gesagt: Das denken wir über uns und vielleicht denkt ihr, die Arbeiter im Publikum, ja auch so über euch. Jetzt müßt ihr darüber nachdenken, ob es stimmt, und wenn ja, was ihr damit machen wollt. Theater ist für die Gesellschaft wie ein Spiegel. Ein Spiegel ist das erste, worin sich jeder von uns morgens prüfend betrachtet. Diesen Spiegel haben wir dem Publikum entgegengehalten.

Die Arbeiter tun mir nicht leid und ich arbeite nicht aus Mitleid mit ihnen. Ihre Arbeitsbedingungen vermitteln ihnen ein Gefühl der Unterlegenheit. Die Bosse versuchen, bei ihnen dieses Gefühl hervorzurufen, um sie leichter ausbeuten zu können. Sie wollen den Arbeiter abhängig machen, während wir ihm seine eigene Stärke bewußt machen wollen.

Das Stück hat geholfen, dieses Bewußtsein zu entwickeln. Einige haben danach erzählt, daß die Vorführung ihnen ein Gefühl von Stolz und Stärke gegeben hat und daß ihre Kollegen sie dafür respektieren.

Das ist nicht das erste Mal, daß Du in einer Community ein Theaterprojekt gemacht hast. Was hat Dich dazu gebracht?
So habe ich angefangen. Ich bin in einem armen Viertel in Nazareth aufgewachsen und für die Leute war ich ein “Problemkind”. Als ich 15 war, habe ich an einem Schauspielkurs teilgenommen. Alles wurde anders. Ich konnte meine negativen Energien in positivere Sachen kanalisieren. Ich entdeckte Fähigkeiten in mir. Deshalb arbeite ich mit Menschen mit einem ähnlichen Hintergrund.

Wie siehst Du, als professioneller Schauspieler, die Rolle kommunaler Theatergruppen in der arabischen Gesellschaft?

In der arabischen Gesellschaft gibt es keine Theaterkultur. Die Leute gehen nicht zu Aufführungen und wenn es kein Publikum gibt, gibt es auch kein Theater. Das gibt es nicht in der arabischen Welt. Selbst unter den Palästinensern in Israel wird ein Stück höchstens achtmal gespielt - nicht weil es nicht unterhaltsam oder mitreißend wäre, sondern weil die meisten Leute nicht wissen, was Theater ist. Es gibt ein paar Häuser in einigen der größeren Städte. In den Dörfern gibt es nur die Straße. Theater braucht einen besonderen Platz mit seinem eigenen Zauber.

Und jetzt?

Wir wollen mit einer etwas kleineren Gruppe an einer professionelleren Produktion arbeiten, die wir in verschiedenen Städten vorführen wollen, um ein größeres Publikum zu erreichen.

Die Vorführung wird Fragen aufgreifen wie: Was ist ein Arbeiter?Wo steht er jetzt? Wo will er hin? Was fordert er?

Heutzutage ist die Lage sehr schlecht. Junge Leute suchen nach Auswegen, einer davon sind Drogen und Alkohol. Heute hat jeder Arbeiter das Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein. Er braucht eine Gesellschaft, die ihn unterstützt. Eine Arbeiterorganisation kann ihm helfen und das Theater kann diese Botschaft transportieren. Ich glaube, Leute, die ihre Freunde als Arbeiter erleben und als Schauspieler, die auf der Bühne auftreten, werde dadurch Mut schöpfen. Sie werden wieder versuchen, eine Arbeit zu finden. Einen Freund auf der Bühne zu sehen, ist eine viel machtvollere Erfahrung, als ein professioneller Schauspieler. "end"

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