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srael ist entschlossen, seine Siedlungen im Gaza-Streifen Mitte August zu räumen. Bis vor Kurzem haben die rechten Widersacher des Loslösungsplans Fortschritte gemachth. Laut einer Untersuchung von Yediot Aharonot sank der Anteil der Unterstützer des Plans von 64 % im Februar auf 53 % Anfang Juni. Drei Wochen später hatte sich der Trend umgekehrt. Die Unterstützung stieg wieder auf 62 %.
Folgendes war geschehen: Eine Clique junger Anhänger Kahanes war von illegalen Siedlungsvorposten in der Westbank nach Gaza hinabgestiegen und hatte sich in einem verlassen Hotel eingerichtet, das sie „das Lied des Meeres“ tauften. Dort hielten sie sich ungestört einen Monat lang auf und verfassten obszöne Graffities über Mohammed, um die benachbarten Araber zu provozieren. Wie sie sagten, waren sie entschlossen, bis zur Rücknahme des Loslösungsplans oder ihrem Tod in Gaza zu bleiben. Die Experten zitterten in Erwartung eines Bürgerkriegs.
Der Wendepunkt kam an einem Tag, an dem andere Gegner des Loslösungsplans die Autobahnen des Landes blockierten. Die Kahanisten hatten eine Schlägerei mit den Arabern, die es ihnen zu provozieren gelungen war. Aus unmittelbarer Nähe – vor laufender Kamera– steinigten sie einen jungen Palästinenser, der bereits bewusstlos geschlagen worden war. Die Öffentlichkeit zog sich angewidert zurück. Sharon, der frischen Wind in den Segeln spürte, schritt am nächsten Morgen zur Tat: die Armee umstellte das „Lied des Meeres“.
Der Rest war nicht so wichtig. Da sie von den anderen Siedlern keine Unterstützung erhielten, streckten die Kahanisten ihre Waffen. Dann betraten die Eliteeinheiten der Armee das Hotel und trugen sie zu den Bussen. Kein Massada. Die Drohung eines Bürgerkriegs löste sich in Luft auf. Ohne Gewehre verwandelten sich die Siedler in Schafe.
Am darauf folgenden Tag, dem 01. Juli 2005, schrieben Gideon Maron und Oded Shalom in Yediot Aharonot: „Die rechten Extremisten, die sich in Gush Katif verbarrikadiert hatten, hätten vor einem Monat unter Kontrolle gebracht werden können. Dies war der Armee bekannt, sie drückte aber ein Auge zu und handelte erst gestern, nachdem Blut vergossen worden war.“
Das einmonatige Warten hatte den Zweck, sich das Drama entwickeln zu lassen, das Sharon brauchte. Damit sie seinem langfristigen politischen Ziel dient, muss die Loslösung mystische Ausmaße annehmen. Je größer der Widerstand, desto unmöglicher wird es erscheinen, ihm einen zweiten Akt folgen zu lassen. Darum tut Sharon nicht, was Charles de Gaulle mit den französischen Siedlern in Algerien getan hat, einen Tag für den Rückzug der Armee festlegen und erklären, dass jeder Siedler, der in Gaza bleiben möchte, sich an die Palästinensische Autonomiebehörde wenden kann. Stattdessen braucht er ein Spektakel, um sich die Tür offen zu halten: „So weit werden wir gehen, nicht weiter. Wir können es nicht. Schaut, wie traumatisch es ist! Sogar schon dies hat uns auseinander gerissen!“
Der finanzielle Aspekt unterstützt unseren Verdacht. Dan Ben David, Dozent für Volkswirtschaft an der Universität inTel Aviv, hat geschrieben, dass sich die reinen nicht militärischen Kosten für den Loslösungsplan auf 5,5 Milliarden Schekel bzw. 611.000 US-Dollar pro Familie belaufen. Die 7.000 Siedler in Gaza machen 3 % der gesamten Siedlerschaft aus (ohne jene im besetzten Jerusalem). Wie könnte sich der Staat bei solchen Beträgen weitere Traumata leisten können? Niemals.
Sharons jetzige Taten sollen seine Chancen bei den nächsten Wahlen erhöhen. Mit 1,5 Millionen Palästinensern weniger unter Israels Verantwortung und als einziger israelischer Führer, der in der Lage ist, Siedler zu räumen, kann er sich als Kandidat für den Nobelpreis anbieten. Gleichzeitig kann er als Champion der Rechten posieren, der die wichtigen Siedlungen in der Westbank vor dem drohenden Abriss gerettet hat.
Doch es steht auch eine neue Runde des Kampfes bevor. Die politische Lage ist jetzt klarer – und für die Palästinenser schlechter – als während der Jahre von Oslo. Damals unterzeichneten sie eine Vereinbarung mit offenem Ende, die ihnen nichts versprach. Die Übereinkunft war voller Löcher, die jede Seite so füllen konnte, wie sie wollte. Israel konnte behaupten, es habe in der Frage der Siedlungen, Jerusalems oder des Rückkehrrechts nicht nachgegeben. Die Palästinenser konnten das Gegenteil behaupten. Jede Seite brauchte sieben Jahre um zu begreifen, wo die andere stand. Selbst jetzt ist das Oslo-Abkommen noch unklar genug, um zu den unterschiedlichsten Interpretationen anzuregen. Der Loslösungsplan hingegen lässt Zweifeln keinen Raum: Shraon hat wiederholt mit dem Versprechen gewedelt, dass er US-Präsident G.W. Buch gegeben hat: dass die Hauptsiedlungsblocks runter sind von der Tagesordnung. So schreitet er mit seinem wirklichen Programm voran: Gaza von der Westbank zu trennen.
Die linken Parteien innerhalb der Knesset treiben derweil in die Vergessenheit. Dies gilt sowohl für Meretz-Yahad, die Sharon außerhalb seiner Regierung parlamentarische Deckung gewähren, als auch innerhalb der Regierung für die Arbeitspartei. Professor Shlomo Ben Ami, Mitglied der israelischen Gruppe im Juli 2000 in Camp David, kritisiert den Loslösungsplan als Flickwerk, das nirgendwohin führt: „Seine Unterstützer betrachten ihn nicht als Teil eines größeren Plans für eine politische Vereinbarung, die Israel feste, anerkannte Grenzen bringt. Letzten Endes hängen die heute erfahrensten Politiker Israels, Ariel Sharon und Shimon Peres, beide der Idee an, dass Israel keine Fortschritte in Richtung einer permanenten Vereinbarung und eines Endes des Konflikts machen muss.“ (Haaretz, 30.06.2005)
Anhänger der Arbeitspartei geben gern damit an, dass Sharon ihr Programm umsetze, aber das ist bestenfalls eine Illusion, schlimmstenfalls glatter Betrug. Die Arbeitspartei bereitet ihre Sitze in der nächsten Regierung vor, die, wie sie hofft, Sharon – und nicht Binyamin Netanyahu - stellen wird. Der Herausforderung, eine Alternative zum Likud aufzubauen, hat sie den Rücken gewandt.
Die obsessive Sorge um das Leid der geräumten Siedler und die Schwierigkeiten, denen Sharon gegenübersteht, verbirgt, was im Hintergrund geschieht. Nach sieben Monaten als Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde ist Abu Mazen am Ende angelangt. Er hat nie ganz begriffen, dass die Loslösung seine Tage verkürzt. Wenn Israel Gaza verlassen hat, braucht es ihn nicht mehr. Es stimmt, viele drohen ihm noch mit dem Finger und klagen, er solle die Waffen der Hamas einsammeln, doch das ist nur Augenwischerei. Seit dem Beginn der zweiten Intifada hat Israel gewusst, dass es seine Sicherheit nicht in die Hände einer palästinensischen Führung legen darf. Was z.B. die Grenze zwischen Gaza und Ägypten betrifft,, so will es, dass Ägypten sie bewacht und nicht die PA, und es befindet sich gerade in der Schlussphase einer entsprechenden Vereinbarung.
Die Armee wartet ungeduldig auf die erste Kassam-Rakete nach der Loslösung. Dann wird sie zeigen, dass sie dadurch, dass sie die Siedlungen losgeworden ist, ihre militärische Position verbessert hat. Sie wird in der Lage sein, in den Gaza-Streifen über Land, See und Luft einzudringen, ohne erst auf die dortige verletzliche jüdische Bevölkerung Rücksicht nehmen zu müssen.
Nicht nur Israel wird Abu Mazen schwächen. Hamas hat seine Aufforderung, der Regierung beizutreten, zurückgewiesen. Damit hat sie ihrer Verärgerung darüber Ausdruck gegeben, dass er die Parlamentswahlen verschoben hat. Hamas weiß, warum Abu Mazen sie in der Regierung haben will: damit er der Stunde der Wahrheit an den Wahlurnen entgeht. Hamas weiß auch, wo die Macht zu finden ist. Sie wartet auf die Loslösung, damit sie dann die Früchte ernten und das Kommando über den Gaza-Streifen übernehmen kann. Darin liegt ein Hauch historischer Dialektik: Sharon, so scheint es, verbessert die Position der Hamas!
Die Befürworter der Loslösung haben Unrecht. Die Vereinigten Staaten haben Unrecht, wenn sie Abu Mazen sagen, er solle es unterlassen, Bedingungen zu stellen, und Israel einfach erlauben zu gehen. Abu Mazen hat Unrecht, wenn er die Hände in den Schoß legt, während sich Israel die Mittel sichert, die es braucht, um weiter über die Westbank zu herrschen. Und schließlich haben auch Sharon und seine Unterstützer Unrecht. Ihr Loslösungsplan trägt den Samen für die dritte Intifada. Das palästinensische Volk wird die neue Realität, die Israel ihm aufzwingt, nicht hinnehmen: die Gefangenschaft von Millionen, ohne die Möglichkeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, hinter einer fiktiven Trennlinie, verstärkt durch echte Zäune und Mauern. Die Flammen der dritten Intifada werden alle Zäune und Mauern überwinden. 



