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01.01.08

kultur

Der Friedensstifter

Es ist mir gelungen, Frieden zwischen den Israelis und den Palästinensern zu stiften. In einem Interview im Vorfeld der Konferenz von Annapolis behauptete der Verhandler der PA, Saeb Erekat, Frieden sei innerhalb einer halben Stunde zu machen. Die Grundlage, allgemein bekannt, sei Clintons Entwurf: zwei Staaten, Grenzberichtigungen und die Teilung Jerusalems. Bei mir dauerte es zwei Stunden bis zum Frieden – oder, naja, zwei Jahre. Ich brachte ihn 2009. Ich sah den Schnellzug durch die Sichere Passage von Gaza zur Westbank gleiten. Ich brachte israelische, palästinensische und jordanische Bauern zusammen, wir planen eine dreistaatliche Bio-Kooperative. Jerusalem ist die Hauptstadt aller! Hurra!

Wie ich das angestellt habe? Als Abonnent von Ha’aretz erhielt ich im Vorfeld der Konferenz von Annapolis ein Computerspiel des Peres Peace Center. Das Spiel gibt zunächst einen Überblick über den Konflikt von 1922 bis Ende 2007. Ich konnte mir aussuchen, ob ich der israelische oder der palästinensische Führer sein wollte. Ich entschied mich für ersteren. Ich hatte die Aufgabe, den Gewaltlevel zu senken, den Israelis ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln und die Wirtschaft voranzubringen. Außerdem sollte ich das Leben in den Besetzten Gebieten erleichtern und Fortschritte in Richtung eines Friedensabkommens machen. Dazu standen mir verschiedene Werkzeuge zur Verfügung, darunter der „Stock“ der gezielten Tötung, Luftschläge, Ausgangssperren usw. und die „Karotte“ der Aufhebung von Straßensperren, der Vergabe von Arbeitsgenehmigungen für Israel und wirtschaftliche Zusammenarbeit (als Belohnung der PA für die Bekämpfung des Terrorismus). Ich konnte auch Siedlungen ausbauen oder räumen und Projekte zur Verbesserung der israelischen Wirtschaft in Gang bringen, wie Steuererleichterungen oder Finanzhilfen für die Alten.

Auf internationaler Ebene arbeitete ich mit den Vereinigten Staaten zusammen (die immer kooperierten), den UN (deren Mitglieder meinen Absichten in der Mehrzahl skeptisch gegenüber standen) und der EU (die nicht besonders nützlich war).

Das Spiel ist komplex. Ein perfektes Ergebnis wäre die hundertprozentige Zustimmung der israelischen und der palästinensischen Öffentlichkeit. Klettert die Missbilligungsrate auf über 70 %, ist das Spiel vorbei und du gehst nach Hause und bringst deine Schäfchen ins Trockene. Es war kein Zufall, dass ich zwei Jahre brauchte, um Frieden zu stiften. Es ist sehr schwierig, den Israelis Sicherheit und den Palästinensern Wohlstand zu bringen, und sich zugleich an die Spielregeln zu halten, die den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechen.

Jedes Mal, wenn ich die Palästinenser belohnte, stieg meine Missbilligungsrate in Israel, aber man sollte nicht glauben, die Palästinenser wären zufrieden gewesen. Keineswegs. Sie wollten einfach mehr. Wegen ihnen ist fast meine Koalition auseinander gebrochen.

Gleich zu Beginn, an Tag meines Amtsantritts, gab es einen schweren Selbstmordanschlag: 18 Tote und 40 Verletzte. Ich wandte mich an den Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, der PA, und forderte, er solle gegen die Militanten vorgehen (meine Missbilligungsrate in Israel stieg sprunghaft auf 20 %). Er sagte, es sei eine Frechheit so etwas zu verlangen, nachdem ich seinen Sicherheitsapparat zerstört hätte. Ich bot an ihm zu helfen, ihn wieder aufzubauen – aber dafür bekam ich von ihm und von der israelischen Rechten Prügel. Meine israelische Missbilligungsrate kletterte auf 30 %. Ich setzte mehr Straßensperren ein und führte einige gezielte Tötungen durch. (Ich versuchte während des gesamten Spiels, den Einsatz der Luftwaffe zu vermeiden, um keine unschuldigen Zivilisten zu töten.) Entsprechend fiel die israelische Missbilligung auf 10 %, doch jetzt stieg die der Palästinenser auf 20 %. Um die Lage zu beruhigen, hielt ich auf Englisch eine Rede für den Frieden (die Kritiker waren überwältigt). Ich bat den US-Präsidenten um Hilfe für eine Wiederaufnahme der Verhandlungen und ließ 5.000 palästinensische Arbeiter ins Land. Die Siedler machten Krawall, aber ich konnte sie beruhigen. Um die Wirtschaft anzukurbeln, verordnete ich eine Steuersenkung. Meine Billigungsrate stieg auf beiden Seiten, der israelischen und der palästinensischen, um 5 %.

Dann verbrachte ich ein halbes Jahr damit zu lernen, wie man eine stabile Regierung bildet. Fazit: Bekämpfe den Terrorismus als gebe es keine Friedensverhandlungen, und führe die Friedensverhandlungen als gebe es keinen Terrorismus!

Zwei Jahre lang pendelte ich zwischen gezielten Tötungen und der Räumung illegaler Siedlungsaußenposten, zwischen dem Bezug amerikanischer Fördergelder und der Stabilisierung des Präsidenten der PA beim Wiederaufbau seiner Wirtschaft. Ich stellte eine Menge Arbeitsgenehmigungen aus.

An der 18-Monats-Marke hatte ich die Billigung von über 50 % der Israelis und der Palästinenser. Einen Selbstmordanschlag dann und wann konnte ich verkraften, denn die Wirtschaft war auf beiden Seiten der Grünen Grenze stabil und die Palästinenser hatten etwas zu verlieren. Der Präsident der PA wurde stärker und begann, gegen die bewaffneten Kämpfer vorzugehen. Als wir schließlich den Zug zwischen Gaza und der Westbank in Fahrt setzten, gab die Hamas klein bei. Ich begriff, dass wir auf dem richtigen Weg waren und es keine Rückkehr gab. Da begann ich die Siedlungen zu räumen. Wieder machten die Siedler Krawall, aber ich gab ihnen eines auf die Nase. Ein paar Minister sprangen ab, aber die zionistische Linke gab mir Rückendeckung, so dass ich weitermachen konnte. Um das Sicherheitsgefühl zu verstärken, führte ich gemeinsame Patrouillen ein und die Zustimmung für mich erreichte 80 %. Mir wurde erzählt, in Nablus hätten die Leute zu lächeln begonnen. Ich war euphorisch. Ich stimmte der Einreise von 100.000 palästinensischen Flüchtlingen nach Israel zu und ließ Gefangene frei, an deren Händen Blut klebte. Zu meiner großen Überraschung schien dies die israelische Öffentlichkeit nicht zu stören. Ich kam ans Ende des Spiels. Ich musste mir nicht die Mühe machen, Jerusalem zu teilen. Auf dem Bildschirm erschien die Nachricht, es sei bereits geteilt, sowie eine Notiz, mit der mir für das Friedensstiften gedankt wurde. Nun schlug das Spiel vor, ich solle die Rolle des palästinensischen Führers spielen.

Als Präsident der PA war ich ein Desaster. Ich begann das Spiel ohne Staatshaushalt. Ich verbrachte meine Zeit damit, an die Türen der internationalen Gemeinschaft und der arabischen Welt zu klopfen und um Fördergelder zu bitten, die ich meist nicht bekam. Am schlimmsten waren die Ägypter. Die Amerikaner wollten sich nicht bereit erklären, auf Israel Druck auszuüben, und Israel entfernte keine einzige Straßensperre. Die Europäer spielten ein Doppelspiel und ihre Spenden erwiesen sich als mager. Kein einziges Mal war ich in der Lage gleichzeitig sowohl die Forderungen meines Volks unter der Besatzung als auch die der internationalen Gemeinschaft zu erfüllen. Kein Wunder, überlegte ich, dass die Hamas in der Realität die Wahlen mit einem Erdrutschsieg gewonnen hat.

Wenn das Friedensstifter-Spiel einen gewissenhaften Versuch darstellt, unsere Realität abzubilden, befinden wir uns in keiner guten Verfassung. Um mich als israelischer Premier über Wasser zu halten, musste ich eine Kombination aus Ariel Sharon und Yossi Beilin sein, mit einem Hang zur militärischen Perspektive. Die israelische Gesellschaft ist im Wesentlichen konservativ und mitleidslos. Obwohl es mir gelang, die Zahl der Terroranschläge zu senken, war es schwierig, die israelische Öffentlichkeit von Konzessionen zu überzeugen. In der Realität würde kein Premierminister die zwei Jahre, die ich gebraucht habe, überleben. Seine Koalition, vom Spiel als rechts und sicherheitsfokussiert vorgesehen, würde zerbrechen. Am Ende des Spiels hatte ich viel Blut an den Händen.

Dieser Versuch, die Wirklichkeit in ein Computerspiel zu verdichten, ist voller schwerer Lektionen. Während meiner beiden Jahre als Friedensstifter habe ich mich kein einziges Mal mit Verhandlungen mit den Palästinensern beschäftigt. Alle meine Maßnahmen ergriff ich unilateral. Aus Sicht des Peres Center und der israelischen Führungsschicht haben die Palästinenser für eine Beilegung des Konflikts nichts anzubieten, außer natürlich, die Militanten zu zügeln. Ansonsten müssen sie nur das festhalten, was ihnen gegeben wird: Geld, Städte, Gefangene usw. Das Spiel läuft hinaus auf wirtschaftlichen Aufschwung und Sicherheit für die israelische Seite. Wenn der Premierminister beides liefern kann, sagt das Spiel, wird die Gesellschaft für Konzessionen offen sein.

Die Konferenz von Annapolis sprach eine andere Sprache. Israels Wirtschaft blüht, die Erwerbslosigkeit ist zurückgegangen und militärisch ist die Lage stabil. Dem Spiel zufolge sollten wir uns also Richtung Frieden bewegen. Doch in Annapolis konnten Israelis und Palästinenser nicht einmal eine gemeinsame Grundsatzerklärung abgeben. Statt illegale Siedlungsaußenposten zu räumen, färbt Olmert sie schön.

Der echte palästinensische Präsident, Mahmoud Abbas, kann ohne Erlaubnis aus dem Ausland keinen Finger rühren. Internationale Gemeinschaft wie arabische Welt setzen ihn unter Druck, die Hamas zu bekämpfen und Kompromisse zu schließen. Jene, die es schaffen, das Spiel durchzuspielen, stellen fest, dass der palästinensische Staat in jeder Hinsicht durch Freihandelsabkommen und Verbundprojekte an die israelische Wirtschaft gefesselt ist. Israel steuert Kapital und Wissen bei, die Palästinenser die billigen Arbeitskräfte.

Das Spiel ist realitätsfern. Es lässt Schlüsselfaktoren außer Acht: den Wahlsieg der Hamas; deren Machtübernahme in Gaza; das Fehlen einer entwicklungsfähigen politischen Kraft auf der palästinensischen Seite; die Ausdehnung der Siedlungen und illegalen Außenposten, der Checkpoints und der Straßensperren. Auf der Platine der Realität bleibt für einen palästinensischen Staat wenig Raum. Das Spiel schrumpft zur Patience. "end"

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