01.03.06

kultur

"Im Dunkeln kannst Du nicht weit gucken …"

von Sharon Horodi

„Gesundheit ist ein Zustand vollständigen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht lediglich die Abwesenheit von Krankheit oder Schwäche.“ (Verfassung der WHO, 1948)

D

ies ist die zentrale Aussage der Weltgesundheitsorganisation, WHO, und der Beweggrund für ein einzigartiges Filmprojekt, das sie durchgeführt hat. Maria Restrepo, Regisseurin des Projekts, erklärt es folgendermaßen: „Menschen, die in einem Zustand ständigen Kriegs leben, werden nicht von der unmittelbaren Bedrohung ihres Lebens in Mitleidenschaft gezogen, sondern auch von der unsicheren wirtschaftlichen Lage und dem Zusammenbruch der Sozialstruktur. Wir dachten, die Möglichkeiten des Kinos wären am besten geeignet, die Gesundheitsprobleme darzustellen, die die Bürger Israels und Palästinas ertragen.“

Die Louis M. Rabinowitz Stiftung in Israel und die Turiner Stadtverwaltung finanzieren das Projekt mit. Ein gemeinsames Komitee, in dem beide vertreten sind, wählten vier Filme aus, zwei von Israelis, zwei von Palästinensern. Dem Kommittee war es wichtig, dass das Thema Gesundheit umfassend und nicht nur Einzelfälle betreffend dargestellt wird.

Video 48 war einer dieser vier. Diese Gruppe junger Filmemacher www.hanitzotz.com/video.htm konzentriert einen Großteil ihrer dokumentarischen Tätigkeit auf palästinensische Arbeiter aus Israel und den Besetzten Gebieten. Ihr Film für die WHO heißt The Mall.
Ein halbes Jahr vor den Vereinbarungen von Oslo im September 1993 schloss Israel seine Tore und sperrte über 100.000 palästinensische Ernährer aus, deren Abhängigkeit (vom israelischen Arbeitsmarkt – d.Ü.) es zuvor gepflegt hatte. Jetzt versucht es, ihren Ausschluss mit der Sperranlage zu zementieren. Die Arbeiter müssen sich auf jede mögliche Art und Weise um deren unfertige Teile herumschleichen, denn Israel ist ihre einzige Möglichkeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Ohne Licht zu leben, mit wenig Luft, in erstickendem Gestank ist das Schicksal von mehr als 400 dieser Arbeiter. Sie verbringen jede Nacht in der Woche innerhalb der sechs unterirdischen Etagen eines unfertigen Einkaufszentrums.

Man sieht das Zentrum nicht, aber es liegt direkt vor Tel Aviv an einer belebten Kreuzung – genau dort, wo man ein Einkaufszentrum erwartet. Autos rasen vorbei. Die meisten Fahrer ziehen es vor, die sich am Straßenrand scharenden Arbeiter zu übersehen. Sie sind die unsichtbaren Menschen Israels.

Zwei Sorten Israelis schenken ihnen Aufmerksamkeit: die Chefs, die billige Arbeit für einen Tag suchen, und die Polizei. Gelegentlich endet der Kleinkrieg mit der Polizei mit Gefängnis oder der vorübergehenden Beschlagnahme der Ausweispapiere.

„Es ist ein Spiel, dessen Züge schon bekannt sind“, erklärt Yonatan Ben Efrat, Regisseur von The Mall. „Sie dürfen nicht hier sein, aber sie sind da, stehen draußen, deutlich sichtbar. Wenn es Israel ernst meinen würde, würden sie sich nicht so offensichtlich zeigen. Israel braucht Arbeiter, die nicht organisiert sind und verletzlich, die sich vor Angst ständig über die Schulter blicken. Es braucht Arbeiter, die bereit sind, jede Arbeit anzunehmen, die sie kriegen können.“

Der Film konzentriert sich auf das Leben in dem unterirdischen Bauwerk. Das Einkaufszentrum ist der „Held“ des Films. Die Männer leben dort von Sonntag bis Donnerstag, für die Wochenenden schmuggeln sie sich nach Hause. Den meisten gelingt es nicht, mehr als zwei Tage Arbeit pro Woche zu finden. Auf jeden Fahrer, der mit einem Jobangebot anhält, kommen zahlreiche Bewerber.
Sie offenbaren dem Zuschauer ihr Leben. Sie sprechen über ihre Gefühle, ihre Erwartungen oder deren Fehlen und über die Umstände, die sie hierher geführt haben. Sie vermitteln ein intensives Gefühl, in einer ausweglosen Situation gefangen zu sein, von der Gesellschaft verlassen.

„Die Arbeiter haben das Gefühl dazu verdammt zu sein, für immer in dem Einkaufszentrum zu leben“, sagt Ben Efrat. Einer von ihnen, Abu Naji, bemerkt in dem Film: „Eines Tages, wenn ich alt bin, wird ein junger Mann kommen und meinen Platz einnehmen. Wenn sich die politische Situation nicht ändert, wird es auch das Einkaufszentrum nicht tun.“

Ben Efrat traf das Einkaufszentrum und seine Bewohner erstmals, als er einen Artikel für Challenge schrieb. Verständlicherweise waren sie misstrauisch, nach einer Weile jedoch begannen sie ihm zu vertrauen und ließen ihn in ihr Leben.
„Ich bat sie um Erlaubnis, sie in dem Einkaufszentrum filmen zu dürfen“, sagt er. „Wir haben uns mit ihnen zusammengesetzt und die Bedeutung des Projekts erklärt. Ihrem Empfinden nach hatten sie nichts zu verlieren.“

Es ist dunkel in dem Einkaufszentrum. Es ist nicht leicht, in der Dunkelheit Aufnahmen zu machen. In diesem kurzen Film erlebt der Zuschauer so etwas wie eine Weitung der Retina. Die Augen beginnen langsam, Gegenstände wahrzunehmen. Gestalten, die anfangs verschwommen erscheinen, ohne besondere Form, nehmen Fleisch an, werden menschlich. Ben Efrat sagt dazu: „Wir haben versucht, das natürliche Licht zu nutzen, dass durch die Löcher im Beton eintritt. Wir wollten nicht den falschen Eindruck eines gut beleuchteten Ortes erwecken. Diese Leute leben in Dunkelheit. Wir haben zwei kleine Schweinwerfer benutzt, um die enorme Öde des Einkaufszentrums zu zeigen. Aber die Hauptbeleuchtung stammt von ihren Kerzen und Taschenlampen.“

Ein weiteres wichtiges Element, dass für den Mangel an Helligkeit in dem Film entschädigt, ist der Ton. Er ermöglicht es, sich die Größe des Ortes vorzustellen. Gedämpfte Stimmen dringen von der Autobahn oder aus den Tiefen des Einkaufszentrums selbst und verstärken den Eindruck sich in einem Grab zu befinden, beschwören die Spur einer uralten Furcht.

Die körperlichen Probleme sind nicht das Schlimmste für die Männer im Einkaufszentrum. Das Schlimmste ist der Druck, jeden Job anzunehmen, der Druck, die einzigen Ernährer ihrer Familien zu sein. Nichtsdestoweniger zeigt der Film, wie sie ihre geistige Gesundheit bewahren, Möglichkeiten finden, sauber zu machen, sich umeinander zu kümmern und die dunklen Ecken in so etwas wie ein Zuhause zu verwandeln.

Das WHO-Projekt steht vor seiner Vollendung. Drei der vier Filme, einschließlich The Mall wurden bei einer Veranstaltung gezeigt, die die Stadt Turin in der Zeit der Winterolympiade abhielt. In den kommenden Monaten werden alle vier Filme in Israel, Palästina und der Welt gezeigt werden. Jeder Vorführung wird eine Diskussion folgen darüber, wie sich ein Konflikt auf die Gesundheit einer Gesellschaft auswirkt."end"


www.challenge-mag.com/de/artikel__21/im_dunkeln_kannst_du_nicht_weit_gucken_…
22.11.2008, 12:11