01.03.04

kommentar

Das Kopftuch: Eine starrsinnige Reaktion auf die radikale Rechte

von Manal Jabour

A

m 10. Februar 2004 entschied das französischen Parlament mit 494 zu 36 Stimmen, an staatlichen Schulen muslimische Kopftücher zu verbieten. Das Verbot gilt für alle sichtbaren religiösen Symbole, einschließlich Kipas und Kreuzen, doch die Kopftücher standen im Rampenlicht. Das wird im September in Kraft treten.

Wie an der Ambivalenz der Intellektuellen zu sehen, hat die Diskussion die arabische Welt in ein Durcheinander gestürzt: Einige nennen das französische Gesetz eine furchtbare Maßnahme, die das Recht der Frauen verletzt, ihre Kleidung selbst zu wählen. Andere sehen den Kopftuch als Symbol der Unterdrückung, zögern in der derzeitigen erhitzten Atmosphäre aber Stellung zu beziehen.

Der libanesische Dichter Adonis ist einer der wenigen herausragenden arabischen Intellektuellen, die keine kalten Füße bekommen haben. In einem Interview mit Al-Mustakbal, einer libanesischen Fernsehstation, sagte er, auch wenn die französische Entscheidung dem Wunsch entsprungen sein möge, „die Republik zu verteidigen“ – und obwohl er persönlich gegen den Kopftuch sei – halte er es „für einen Fehler die Idee (des Säkularismus - MJ) gewaltsam durchsetzen, selbst wenn sie grundsätzlich richtig ist.“

Das Wiederaufleben dieser Debatte, 200 Jahre nachdem sich Frankreich zum säkularen Staat erklärt hat, kennzeichnet die Krise, in die die westliche Gesellschaft aufgrund der Globalisierung gestürzt ist. Der Bruch zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden stellt Werte auf die Probe, die unverrückbar schienen.

Das Kopftuch als Antwort auf die radikale Rechte

Der Zulauf französischer Araber zu islamischen Bewegungen ist eine Reaktion auf wachsende Xenophobie und Diskriminierung. Die rassistische Rechte Frankreichs benutzt die Muslime als Sündenbock – besonders die muslimischen Migranten.

Jocelyn Cesari, eine algerische Wissenschaftlerin an der Columbia University, setzt die muslimische Migration nach Europa mit dem durch die Globalisierung in Gang gesetzten Verarmungsprozess in Beziehung. In einem Artikel mit dem Titel: „Die Muslime in Europa und Amerika“, veröffentlicht in Le Monde Diplomatique, schreibt sie: „Die Migrationsanwärter nach Europa sind im Allgemeinen die Ärmsten und am schlechtesten Ausgebildeten ihrer Herkunftsgesellschaft.“ Die Migration nach Europa hänge zusammen mit „der Armut, die die Gesellschaften in Nordafrika, in Indien und Pakistan erleiden.“ Ergebnis seien „tiefe soziale Klüfte, die innerhalb der europäischen Gesellschaft geschlossen werden müssen.“

Die Klüfte werden nicht geschlossen. Im Gegenteil, viele Europäer wenden sich ab und schaffen abgeschlossen ökonomische und soziale Einheiten. Die Ereignisse des 09. September waren Wasser auf die Mühlen der rassistischen Bewegungen. Sie verstärkten die Auffassung, Islam sei Terror sei Alles, was Europa und den Westen bedroht. Die Hetze gegen Fremde, die französische Arbeitsplätze „an sich reißen“, nahm zu.

Ebenso wie der Rechtsextremismus bringt auch die Mittellosigkeit vieler Muslime in Europa sie dazu, „Verteidigungs“maßnahmen zu ergreifen, als wollten sie den Europäern sagen: „Wir werden uns nicht von Euch zurückweisen lassen. Statt dessen ziehen wir uns selbst von Euch zurück, auf unsere eigene Art.“ Die Hinwendung zum Islam ist eine Reaktion auf die Zurückweisung durch Europa. Die islamistischen populistischen Bewegungen beuten diesen Prozess aus, um ihre Macht zu vergrößern.

Auch andere haben auf der Kopftuchdiskussion ihr Süppchen gekocht. Einige betrachten Chiracs Unterstützung des Gesetzes als Versuch Le Pen mit einem populären Schritt auszumanövrieren.

Das sind die Gründe für die Renaissance des Kopftuchs. Doch diese Renaissance ist die falsche Antwort auf ein echtes Problem und daher richtet sie Schaden an. Zionismus war auch die falsche Antwort auf das echte Problem des Antisemitismus. Doch anders als der Zionismus schadet der Kopftuch genau der Gruppe, die ihn trägt. Beide Phänomene sind eine Reaktion auf die Rechte: Man schließt sich ein statt ihr entgegen zu treten.

Eine radikale feministische Antwort

Dr. Nawal El-Sa’adawi, Feministin und Intellektuelle, ist eine der eindringlichsten Gegnerinnen des Kopftuchs. Sie betrachtet das Kopftuch als ein Mittel, mit dem die männerdominierten Regime ihre Privilegien bewahren.

„In diesem Krieg werden die Frauen in die Zange genommen – zwischen corporate consumerism und dem freien Markt auf der einen Seite und religiös-politischem Fundamentalismus auf der anderen: Angeblich im Widerstreit miteinander verbünden sie sich, um die Unterwerfung der Frauen aufrecht zu erhalten (...)“ www.weekly.ahram.org.eg/2004/674/op2.htm

„Für die muslimischen Männer, die ihre Stimme zum Protest erhoben haben, war das ein integraler Teil ihres Kampfes um die Kontrolle der Männer über die Frauen, die Kontrolle der Männer über ihre Gedanken. Vor allem war es der Wunsch islamischer Fundamentalisten die politische Macht zu bewahren, die sie in der Gesellschaft ausüben, deren einer Eckstein immer die Macht über die Frauen war.“ (Ebda.)

Die Frauen, die für den Kopftuch demonstrieren, behauptet Sa’adawi, sind in die Falle des falschen Bewusstseins gegangen:

Eine klassenbewusste Antwort

Es ist in keiner Weise richtig, das Tragen des Kopftuchs als eine Form der Verteidigung der individuellen Freiheit darzustellen. Die Freiheit der Wahl hängt von den Alternativen ab, vor die arabische Frauen gestellt sind. Die Renaissance des Kopftuchs kennzeichnet die Herausbildung einer isolationistischen Identität angesichts einer stärker werdenden Rechten im Westen. Die ersten Opfer des Kopftuchs sind die Frauen selbst. Arabische und muslimische Männer müssen nichts tragen, was sie vom Rest der Gesellschaft abhebt. Die Frauen, die das Kopftuch anlegen, ziehen sich von dieser Gesellschaft zurück, vorgeblich um sich vor den „Gefahren“ und „Versuchungen“ des Westens zu schützen. Scheinbar selbstbestimmt verschließen sie sich der Möglichkeit des Vorankommens und der Integration.

Es ist eine Frage der Identität. Die meisten muslimischen Migranten gehören zur Arbeiterklasse. In das säkulare Europa sind sie zum Arbeiten gekommen. Sie werden sich entscheiden müssen, ob sie in erster Linie Muslime oder Arbeiter sein wollen. Sehen sie sich zuerst als Muslime, werden sie wohl feststellen, dass ihnen ihr rechtmäßiger Platz innerhalb der europäischen Gesellschaft, die sie immer weiter an den Rand drängt, versperrt bleibt. Sehen sie sich in erster Linie als Arbeiter, können sie ihren Kampf mit der Arbeiterklasse in Frankreich, Deutschland und der Schweiz verbinden, trotz aller kunstreichen Spaltungsversuche der Bougeoisie und der Rechten.

Wenn wir das sagen, ist uns die falsche Auffassung vieler europäischer Arbeiter, die „Ausländer“ seien ihre Feinde, wohl bewusst. Der Kampf wird zweifellos hart, aber er wird noch härter, wenn sich Araber in ihre religiösen Symbole wickeln und vor der faschistischen Rechten direkt in die Arme der Fundamentalisten fliehen. Letztere hat keine Waffen, mit denen sie die Rechte bekämpfen. Diese Waffen findet man nur im Lager der vereinigten Arbeiterschaft. "end"


www.challenge-mag.com/de/artikel__52/das_kopftuch_eine_starrsinnige_reaktion_auf_die_radikale_rechte
22.11.2008, 11:11