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von
Yacov Ben Efrat

eim Golfkrieg von 1991 handelte es sich um einen Kampf zwischen dem amerikanischen Imperialismus und den Überresten der arabischen Nationalbewegung. Der kürzliche Krieg in Afghanistan hingegen war ein Zusammenstoß zwischen dem amerikanischen Globalisierungssystem und dem islamischen Fundamentalismus, geführt durch Osama Bin Landen.
In der neueren Geschichte haben die nationalen und religiösen Strömungen um den Einfluß auf die arabischen Massen gewetteifert. Erstere war die progressivere der beiden, sowohl in Ägypten unter Gamel Abed al-Nasser als auch später im Irak und in Syrien. Diese drei Staaten waren von der Unterstützung der Sowjetunion abhängig und gehörten zu den blockfreien Nationen. Sie suchten die Araber gegen den israelischen und amerikanischen Nationalismus zu vereinen. Die Niederlage des Irak vor einem Jahrzehnt besiegelte den Untergang der nationalen Bewegung.
Auf der anderen Seite strömte die islamische Reaktion, angeführt von Saudi Arabien. Sie erhielt die Unterstützung der USA, um eine Art „Heiligen Krieg“ gegen den Kommunismus und die Sowjetunion zu führen. Manchmal wurde der Richtungsstreit offensichtlich, so 1982 beim Massaker Hafez al-Assad gegen die rebellische Muslimbruderschaft in der syrischen Staat Hama, bei dem zwischen 10.000 und 25.000 ums Leben kamen. Ein anderes Beispiel war der von Amerika unterstützte Feldzug in Afghanistan gegen die Sowjets.
Der Wettstreit zwischen den beiden Strömungen brachte schicksalhafte Ergebnisse hervor. Der Sieg der Mudjahedin in Afghanistan, der den größeren sowjetischen Kollaps ankündigte, zeigte die in innerhalb der nationalen Strömung herrschende Unordnung. Saudi Arabien, finanzieller und ideologischer Motor hinter diesem Sieg, spielte auch im Krieg gegen Saddam Hussein eine Hauptrolle. Saddam war zuvor aus dem langen Kampf mit dem Iran (mit Unterstützung Saudi Arabiens) ungeschlagen hervorgegangen und hatte begonnen, pan-arabische Ambitionen zu entwickeln. Zu dieser Zeit war der Irak die stärkste ökonomische Kraft der arabischen Welt. Die ihm von den Amerikanern beigebrachte Niederlage setzte dem Traum einen Gemeinsamen Arabischen Markt zu schaffen, der die natürlichen Ressourcen der arabischen Staaten zuerst zu deren eigenem Wohl – un nicht dem amerikanischen – ausbeuten würde, ein Ende.
Ein weiteres Ergebnis der amerikanisch-saudischen Vorherrschaft war die Madrid-Oslo-Initiative. Die palästinensische Kapitulation in Oslo war der letzte Nagel im Sarg der Nationalbewegung. In das daraus resultierende Vakuum ergoß sich die islamische Strömung.
Während die nationale Richtung das Konzept der Nation (uma) ausschließlich auf Araber begrenzte, interpretiert ihr islamisches Gegenstück die uma in religiösen Begriffen als alle Muslime umfassend, unter denen die Araber nur eine Minderheit darstellen.
Von Anfang an zeigte sich die fundamendalistische islamische Strömung jedem Programm sozialer Befreiung und Fortschritts gegenüber feindlich. Zur Durchsetzung des islamischen Rechts (Schari’a) konnte sie mit dem Westen zusammenarbeiten, doch jede Kooperation mit dem kommunistischen Block war tabu.
Darin liegt Ironie. Der kapitalistische Westen ist für liberales Denken und Pluralismus bekannt. Trotzdem hat sein Sieg über den Kommunismus dem Islamismus den Weg geebnet. Warum?
Die Gesellschaft des liberal-pluralistischen Westens beruht auf einer starken Wirtschaft und einer stabilen Mittelklasse. Das verträgt sich nicht gut mit dem Zustand der Dritten Welt, deren chaotischen Ökonomien und tribalen oder diktatorischen Sozialstrukturen. Die Imperialisten haben es deshalb vermieden, in diese Staaten zu investieren, und ziehen es vor, diese als Rohstofflieferanten auszubeuten.
Als Ergebnis hat der Sieg über den Kommunismus in den arabischen Staaten ein begriffliches (conceptual) Vakuum hinterlassen, das die islamische Strömung prompt gefüllt hat. Denn der fundamentalistische Islam verträgt sich mit rückständigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen gut.
Das Fortschreiten des Islam als politische und ideelle Strömung war dann eng mit dem amerikanischen Imperialismus verbunden. Ein hervorragendes Beispiel ist Saudi Arabien, das in den 90ern zur dominanten Macht des Nahen Ostens wurde und Ägypten und Syrien ersetzte.
Um die Regierungsmacht zu erringen, wie die militärische Kaste in Pakistan oder die Taliban in Afghanistan, brauchte der Islam die Unterstützung Amerikas. Um andererseits die Zustimmung der Massen zu gewinnen, die die US- Macht als Quelle ihrer Armut ansehen, mußte der politische Islam auf der Welle des Zorns gegen die Vereinigten Staaten reiten. Die Abscheu vor den jordanischen oder saudischen Monarchen ist kein bißchen geringer als gegenüber Amerika und Israel. Islamische Militanz sieht sich damit in einem Widerspruch gefangen: Um zu regieren, braucht sie die Unterstützung der Massen, aber sie braucht auch Geld, daß sie aus Fonds in Saudi Arabien und den Golfstaaten bezieht, die von den Vereinigten Staaten unterstützt werden.
Um das saudische Beispiel zu nehmen: Die islamische Bewegung dient als ausgleichender Faktor zwischen der königlichen Familie und den Massen. Die Moscheen, religiösen Einrichtungen und Wohlfahrtsorganisationen fungieren als eine Art „Zivilgesellschaft“. Sie mildern die durch die Klassenunterschiede erzeugte Reibung. Es besteht ein stillschweigendes Einverständnis, daß die islamischen Bewegungen von Angriffen auf das Regime Abstand nehmen. Im Gegenzug erhalten sie Handlungsfreiheit.
Die Bedeutung solch merkwürdiger „Zivilgesellschaften“ in Ländern ohne politische Parteien oder demokratischen Apparat ist klar. Durch die islamischen Bewegungen haben die herrschenden Familien die Ruhe der Massen gekauft.Ihren Höhepunkt hat diese Zusammenarbeit in Pakistan erreicht. Während die islamischen Parteien an Bedeutung zunehmen, erstickt das Militärregime offene, liberale politische Aktionen. Die Armee herrscht durch die Moscheen und Religionsschulen (madrasas).
Um die Angriffe vom 11. September zu verstehen, müssen wir den erwähnten Widerspruch im Kopf behalten: Der militante Islam bekommt Unterstützung von den Massen, die die Vereinigten Staaten hassen, aber er ist abhängig vom Geld aus Staaten, die von den USA unterstützt werden.
Die Angriffe fanden statt, als der militante Islam den Druck dieses Widerspruchs nicht mehr aushielt. Der „glorreiche Sieg über den Roten Teufel“, wie die Mudjahedin ihren Sieg in Afghanistan vor mehr als einem Jahrzehnt hatten, hat die Qualen der Massen nicht gelindert. Seit der Auflösung der Sowjetunion ist Amerika als einzige Macht übriggeblieben, der man die Schuld geben kann. Die islamischen Militanten fühlten sich zur Wahl zwischen zwei Möglichkeiten gezwungen: Entweder sie setzten ihre Abhängigkeit von Washington auf Kosten ihrer Basis in der Bevölkerung fort oder sie folgten den Gefühlen der Massen und richteten ihre Waffen gegen Amerika.
Unter der Führung Bin Ladens haben die Militanten die Karte falsch gelesen. Ihrer vergangener Jihad gegen die Sowjetunion hat in des Programm des internationalen Kapitalismus gepaßt und als Ergebnis hatten sie Unterstützung erhalten. Als sie sich gegen die USA stellten, war niemand da, um sie zu unterstützen. Von mystischen Neigungen verführt machten sie sich ein falsches Bild (painted themselves into a corner), während ihnen gegenüber die amerikanische Macht stand, die sich auf der neuesten Technologie stützt.
Obwohl ihm die Armut ein guter Nährboden ist, hat sich der neue Jihad nicht die Mühe gemacht, den Wohlstand aus den Händen der Wenigen zu reißen und gleichmäßig unter allen zu verteilen. Sein Anliegen ist eher, alles zu zerstören, daß den häretischen Westen zerstört: Wissenschaft und sozialer Fortschritt, Technologie und politische Reformen. Islamischer Militanz fehlt der Wille, die Welt zu verändern, und darin liegt seine Schwäche. Für ihn ist unser gegenwärtiges Leben eine kleine Sach; er sucht die Lösungen im nächsten: a pie in the sky. Eine solche Haltung paßt in eine Gesellschaft, die den Glauben an sich verloren hat. Verzweiflung ist ihr einziger Treibstoff.
Aber dieser Treibstoff wird für nichts verbrannt. Nachdem er Amerika „benutzt“ hatte, um die Sowjetunion zu besiegen, war die islamische Militanz gezwungen, seine mystische Weltsicht auf die Probe zu stellen. Dieser Test sollte der tödliche Angriff auf das World Trade Center sein. Die Extremisten riskierten alles und verloren. Die Niederlage kam in der Gestalt des Debakels in Afghanistan, dem einzigen Land, in dem sie die Macht ergriffen hatten. Seine schnelle Niederlage hat den militanten Islam als die Seifenblase gezeigt, die er ist. Aber er ist eine gefährliche Seifenblase, nicht nur für den Westen sondern auch für die Hungrigen in der Dritten Welt.
Es ist ein Fehler, die Allianz mit Amerika zu unterstützen, um den politischen Islam zu besiegen. Ein solcher Sieg wird den Terrorismus, die Waffe der Mittellosen, nicht aufhalten. Noch wird er die soziale Krise, unter der viele leiden, lösen. Der militante Islam ist nicht der Hauptfeind; er ist ein anachronistisches Phänomen, das in den 80ern vom Kapitalismus selbst aufgeblasen wurde, um die Errungenschaften der arbeitenden Klasse zu unterminieren.
Die islamische Strömung hat es versäumt, den wahren Feind der Unterdrückten zu bestimmen. Dieses Versagen ist ein Grund, warum sie, in der palästinensischen Arena keine praktische Alternative angeboten hat, die den Bedürfnissen des palästinensischen Volkes in seinem zwiefältigen Kampf: gegen die israelische Besatzung auf der einen Seite und Yasser Arafats Pakt mit Amerika auf der anderen – entspricht.
Der Konflikt, der zwischen dem Kapitalismus und seinem früheren islamischen Alliierten ausgebrochen ist, zeugt von einer tieferen Krise. Diese hängt mit den ungeheuren Unterschiede im Lebensstandard zusammen, die die Globalisierung geschaffen hat.
Die Menschheit braucht dringen ein neues Modell sozialer Organisation, das weder auf dem Streben nach Profit noch weltfernem Mystizismus beruht. Der Kollaps der Sowjetunion, die sowohl als Ausgleichsfaktor als auch als Stütze der Nationen der Dritten Welt diente, hat eine Frage aufgeworfen: Wo ist jetzt das Zentrum, vom dem politischer und sozialer Wandel ausgehen kann? Marx und Lenin nahmen beide an, daß angesichts der kapitalistischen Opposition Revolution nur Bestand haben kann, wenn sie zugleich in mehreren Industrieländern stattfindet. Die Revolution in Russland, dem Schwächsten der Industriestaaten Europas, führte zu verschiedenen Ergebnissen: Einerseits wies diese Revolution Menschlichkeit auf, das einer sozialistischen Gesellschaft inhärente positive Potential. Immerhin gab es Nahrung, Kleidung, Obdach, Bildung und Kultur für alle. Auf der anderen Seite unterhielt die Sowjetunion aufgrund ihrer Isolation nur mit unterentwickelten Ländern Handelsbeziehungen; sie mußte riesige Mittel investieren um sich gegen den Westen zu verteidigen, der den Krieg gegen sie nie beendete. Auch wenn wir das Ergebnis des Kampfes zwischen den beiden Systemen (in den 1980ern) als zeitweilig betrachten mögen, müssen wir aus dem Scheitern des ersten Versuchs des Sozialismus Lehren ziehen: Der Schlüssel zur Lösung der Krankheiten des Kapitalismus ist nicht in den Höhlen Afghanistans, den Flüchtlingslagern der Westbank oder den brasilianischen Regenwäldern zu finden, sondern in den großen Industriestädten, in denen das Kapital residiert. Dort hat das Regime seine Machtzentren, seine Medienanstalten, seine Armeen. Eine aufgeklärte Alternative kann sich daher zunächst nur in den Industriezentren entwickeln und sich von diesen in die Peripherie ausbreiten.
Dieser Prozeß hat bereits begonnen: Im Herbst 199 hat er in Seattle seinen Anfang genommen, zwei Jahre, nachdem die Aktenmärkte in Ostasien abgesackt waren, und zwei Jahre nach den Angriffen vom 11. September. Die Antiglobalisierungsbewegung wuchs im Herzen Amerikas, weil Menschen anfingen, den Ursprung des Problems zu begreifen. Die Bewegung deckte die Ungerechtigkeit bei der Verteilung der Ressourcen ebenso auf wie den Schaden, den die Wohlhabenden den Arbeitenden in der ganzen Welt zufügen. Die Bewegung hat die Kapitalisten in die Defensive gebracht.
Die Zusammenstöße von Seattle sind Teil der überall stattfindenden Revolte gegen die amerikanische Herrschaft. Diese Revolte beinhaltet die Weigerung des Iraks sich dem Diktat Washingtons zu unterwerfen, die palästinensische Intifada gegen die Oslo-Verträge, Massenbewegungen gegen kapitalistische Regime in Südkorea und Indonesien und Streiks in Lateinamerika. Ihr Zusammenwirken (cumulative effect is to shake) dürfte die amerikanische Hegemonie erschüttern. Ein neues politisches Bewußtsein entsteht: Daß die Völker der Dritten Welt gemeinsame Sache mit den sozialen Kräften, wie Gewerkschaften, linken politischen Parteien und Studentenorganisationen, der Ersten, machen können.
Osama Bin Laden und seine Unterstützer sind Extremisten. Aber im Vorantreiben der Interessen der Multinationalen ist das Weiße Haus nicht weniger extrem. Die Ereignisse des 11. September haben eine neue Epoche eröffnet im Denken der Arbeiter und Studenten der Industrieländer sowie vieler, die Katastrophen bis dahin indifferent gegenüberstanden, wenn sie außerhalb ihrer eigenen nationalen Grenzen geschahen.
Doch die Ereignisse des 11. September hatten noch einen zusätzlichen Effekt. Sie haben die neue Bush-Regierung aus ihrer internationalen Gleichgültigkeit aufgeweckt. Bin Laden hat Amerika vom Unterdrücker in ein Opfer verwandelt. Washington wurde zum Hauptquartier für den Kampf des „Guten gegen das Schlechte“. Der Angriff auf Afghanistan und weiter den Terrorismus versorgt Amerika mit einem Vorwand um seine globale Vorherrschaft, die in letzter Zeit einige Rückschläge erlitten hatte, wieder neu zu errichten.
Wir dürfen die Macht des kapitalistischen Regimes nicht verniedlichen. Es hat noch nicht alle seine Karten gespielt. Wir dürfen uns nicht vormachen, daß uns nur noch ein kleiner Schritt von der ersehnten Veränderung trennt. Noch können wir die erbärmliche Art ignorieren, in der sich die westliche Arbeiterklasse durch ihre Führer an die Kapitalisten verkauft hat. Während sie die Illusion nährte, daß die Krise „hier nicht eintreten kann“, hat diese Arbeiterklasse Jahre revolutionärer Geschichte im Vergessen versinken lassen.
Die Arbeiterklasse wird vermutlich weiter ihre Regierung unterstützen, solange diese ihr weiter Sicherheit und einen angemessenen Lebensstandard vermittelt. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Arbeiter im Westen Lebensstandard und Ideologie der Mittelklasse übernommen. Diese Tatsache stellt ein Haupthindernis dar, daß man nicht ignorieren kann. Nur wenn sich die Lage drastisch verändert, kann es überwunden werden, d.h., wenn sich die ökonomische auch zu einer sozialen und politischen Krise entwickelt.
Diese Schwierigkeiten brauchen Revolutionäre nicht zu verschrecken. Wir müssen nicht den Arbeitern der entwickelten Nationen und ihrer Intelligenz helfen, das enorme materielle und kulturelle Potential zu erkennen, das ihnen zur Verfügung steht. Dieses Potential kann Grundlage zum Aufbau einer Alternative sein, die auf einer gerechten Verteilung des Reichtums beruht. Eine entwickelte, industrialisierte Gesellschaft verfügt über Kommunikations- und Organisationsmöglichkeiten, die ihresgleichen suchen. Selbst wenn in der Dritten Welt bedeutsame Konflikte ausbrechen, haben ihre Völker aus eigener Kraft nicht die Macht, das globale Kräfteverhältnis zu bestimmen. Von den Jahrzehnten, in denen sie die Hauptlast des Kampfes trugen, sind sie erschöpft.
Das Ende einer Sozialordnung kommt, wenn ihre historische Rolle beendet ist. Der Aufbau der neuen revolutionären ist eng verbunden mit dem Zusammenbruch der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft. Es ist natürlich nicht selbstverständlich, daß es die Arbeiterklasse der Industrienationen schaffen wird, den Kollaps zu beschleunigen (facilitate) und ein egalitäres System aufzubauen. Der Versuch muß jedoch gemacht werden. Die Alternative ist eine Umwälzung, deren Gewalttätigkeit sich niemand vorstellen mag. 
www.challenge-mag.com/de/artikel__59/ideologien_auf_dem_prüfstand
21.05.2012, 17:05