01.03.08

araber in israel

Was ihrer Emanzipation im Wege steht

Arabische Frauen in Israel

von Asma Agbarieh-Zahalka, Michal Schwartz

N

ur wenige Meter trennen Jisr al-Zarqa von Caesarea. Jisr al-Zarqa ist eines der ärmsten Dörfer Israels. Caesarea beherbergt die Elite. Nur wenige Meter – und eine Mauer, die vor sechs Jahren gebaut wurde, damit die Reichen von Caesarea ihre Nachbarn nicht sehen müssen. Eine ähnliche Mauer, nur unsichtbar, trennt Tel Aviv und Jaffa. Dieselbe unsichtbare Wand findet man zwischen dem jüdischen Me-Ami und dem arabischen Um al-Fahm, zwischen Nazareth Ilit und Nazarethz, zwischen Carmiel und den angrenzenden Dörfern – kurz, überall dort, wo Juden und Araber Nachbarn sind. Zwei Welten, um Haaresbreite voneinander getrennt.

Jisr al-Zarqa unterscheidet sich von anderen arabischen Dörfern in einem wesentlichen Punkt: seine Frauen sind die Hauptverdiener. Stimmen aus dem Gemeinderat zufolge, sind 75 % der Männer erwerbslos. Folge ist, dass 30 % der Frauen arbeiten gehen, gegenüber nur 18,6 % der arabischen Frauen in Israel insgesamt1. Die Frauen von Jisr al-Zarqa sind die Haupternährerinnen des Dorfes. Doch befriedigt sie ihre Arbeit und reicht für den Lebensunterhalt? Niemals. Es ist bittere Schufterei, unterbezahlt. Für die Reinigungsfirmen der Küstenregion sind diese Frauen eine praktischer Quell ungelernter Arbeitskraft: schwach, verzweifelt und billig. Sie putzen Tel Aviv. Man trifft sie in den Universitäten, den Krankenhäusern, den Altersheimen und den Veranstaltungshäusern. Die meisten stehen nach einem Monat voller Acht-Stunden-Tage mit weniger als dem gesetzlichen Mindestlohn von 3.700 NIS (1.028 US-$) da. Und selbst wenn sie den Mindestlohn bekämen, würde dieser den Lebensunterhalt nicht decken.

Hof in Jisr al-Zarka. Foto: Goni Riskin

Jeden Morgen um halb sechs klettern rund 900 Frauen aus diesem Dorf, verheiratet oder nicht, Mütter oder kinderlos, in die Transporter. Die meisten kommen nachmittags um fünf zurück, manche erst um zehn. Ist des Tages Putzen erledigt, kommen sie nach Hause, machen wieder sauber und kümmern sich um die Kinder, die den halben Tag draußen auf der Straße waren.

In Jisr al-Zarqa heiraten Mädchen mit 17, manchmal früher. Selbst wenn sie die Ernährer sind, leben sie unter einem patriarchalen Regime. Sie ziehen viele Kinder auf, oft beengt in einem einzigen Zimmer im mehrstöckigen Wohnhaus der Großfamilie. Im Durchschnitt leben sieben Menschen in einem Zimmer. Von Jahr zu Jahr wird die soziale und wirtschaftliche Kluft zwischen ihnen und ihren jüdischen Nachbarn größer.

Armut ist arabisch und weiblich

Jisr al-Zarqa spiegelt – in extremer Weise – die allgemeinen Lebensbedingungen von Arabern in Israel. Obwohl– rechnet man Ostjerusalem und den Golan nicht ein – nur 15 % der Bevölkerung Araber sind, machen sie von den Armen des Landes mehr als die Hälfte aus. Die Mehrzahl der arabischen Familien lebt unter der Armutsgrenze, darunter 60 % der arabischen Kinder.

Ein Grund für die arabische Armut ist die Tatsache, dass die Hälfte der arabischen Familien nur einen Ernährer hat. Wie gesagt, 18,6 % der arabischen Frauen über Fünfzehn sind erwerbstätig, von den jüdischen Frauen sind es 56 %.2

Das Durchschnittseinkommen arabischer Frauen ist 47 % niedriger als das jüdischer Frauen. Über die Hälfte von ihnen verdient den Mindestlohn oder noch weniger, von den jüdischen Frauen betrifft das ein Drittel.3

Eher mittelbar ursächlich für die Armut arabischer Frauen ist deren niedriger Bildungsstand. Etwa die Hälfte von ihnen hat die Highschool nicht abgeschlossen, von den jüdischen Frauen sind das 10 %. Die Beschäftigungszahlen entsprechen dem Bildungstand. Von den arabischen Frauen, die die Grundschule nicht abgeschlossen haben, sind 3,6 % erwerbstätig; von den Frauen, die über die Highschool hinaus weitergelernt haben, sind es 64,8 %.4 Weitere Gründe sind für die Armut ausschlaggebend: Arabische Frauen werden meist im Niedriglohnsektor beschäftigt. Man stellt lieber Juden ein und sie bekommen für dieselbe Arbeit weniger Geld.

Viele arabische Frauen, etwa zwölf Prozent, stellen daher die Arbeitssuche ein. Von ihren jüdischen Geschlechtsgenossinnen tut dies 1 %. 5

Im Februar veröffentlichte die Staatliche Sozialversicherungsanstalt eine Bericht, demzufolge die Armut in Israel trotz des allgemeinen Wirtschaftswachstums zunimmt. Das Wachstum erreicht die schwachen Bevölkerungsteile und insbesondere die Araber nicht. Die Armut wird von Generation zu Generation weitergegeben, ebenso der Mangel an Vertrauen in die israelische Gesellschaft. Diese Gefühle fanden ihren Ausdruck in der Intifada vom Oktober 2000, die in den ärmsten arabischen Dörfern Israels den stärksten Widerhall fand. Sie hat das Misstrauen zwischen Juden und Arabern sehr vertieft, jede Seite kapselt sich von der anderen ab.

Warum arbeiten sie nicht?

Manche geben der arabischen Kultur die Schuld an der geringen Zahl erwerbstätiger arabischer Frauen. Und wirklich sind wir in den letzten Jahren Zeugen steigender Religiosität in den Dörfern geworden und die Islamische Bewegung ermuntert die Frauen, zu Hause zu bleiben und sich dem Gebären und der Aufzucht der Kinder zu widmen.

Doch der zunehmende Konservativismus der arabischen Straße ist weniger Ursache als Ergebnis der niedrigen Erwerbstätigkeitsraten. Die Ursache sind die Diskriminierung und die Zurückweisung, denen Araber in allen Bereichen des Lebens begegnen. Seit Mitte der 1990er hat sich das Problem darüber hinaus durch eine neoliberale Wirtschaftspolitik und die Globalisierung verschärft. Die neue israelische Wirtschaft, auf Aktienhandel und Hightech ausgerichtet, hat die „alte Wirtschaft“ beseitigt und damit auch die Arbeitsplätze arabischer Frauen. Ihre traditionellen Tätigkeitsfelder, insbesondere Textilien, Landwirtschaft und Pflege, sind vor ihren Augen verschwunden.

Die Globalisierung hat die Verlegung von Textilfabriken in Billiglohnländer in Gang gesetzt. Pflege wurde zum Gebiet der Filipinos.

Und die Landwirtschaft? Einst gab sie ungelernten arabischen Frauen Arbeit. Vor der Gründung des Staates Israel 1948 lebten 90 % der arabischen Bevölkerung von der Landwirtschaft. Jetzt sind es 5 %. 27 % der Landarbeiter in Israel kommen jetzt aus Thailand. Unorganisiert und bei der Ankunft tief verschuldet, arbeiten die Thais für weniger als den Mindestlohn, ein Ergebnis höchst fragwürdiger Arbeitszeitaufzeichnungen. Sie erhalten keine Sozialleistungen und wohnen am Arbeitsplatz. Sie sind wie heimliche Subventionen. Auch in Europa und den USA wird die Landwirtschaft subventioniert, doch dort geschieht dies unmittelbar durch Finanzzuschüsse und betrifft die gesamte Landwirtschaft, so dass Bauern wie Landarbeiter davon profitieren können. In Israel haben die Subventionen menschliche Gestalt und nutzen nur den Landwirten.

Was die Araberinnen angeht, die in der Landwirtschaft arbeiten – wie sind deren Beschäftigungsbedingungen? Es gibt in den arabischen Dörfern viele Subunternehmer, die die Frauen zur Arbeit bringen und ihre Löhne einsammeln, von denen sie dann 40 % absahnen. Kaum einmal gibt es Lohnabrechungen, geschweige denn Sozialleistungen. Am Ende haben die Arbeiterinnen für einen Acht-Stunden-Tag statt des gesetzlichen Mindestlohns von 160 Schekeln achtzig bis hundert Schekel in der Hand.

WAC Arbeiterinnen beim Erdbeerpflücken in einem Moshav auf der Sharon-Ebene.
Foto: Alon Ron.

Nur tiefe Armut und ein Fehlen anderer Möglichkeiten bringen eine verheiratete, ungelernte arabische Frau dazu, sich unter solchen Bedingungen einen Job zu suchen. Die Arbeiterinnen sind normalerweise ledig und versuchen ihre Aussteuer aufzubessern. Oft schluckt der Haushalt des Großfamilie ihre Einkünfte. Manchmal schickt eine Familie mehrere Töchter für einen Hungerlohn arbeiten, damit sie nicht zu Hause sitzen. Ihre Löhne braucht sie vielleicht, um Schulden zu bezahlen oder die Ausbildung des älteren Bruders zu finanzieren – oder das Haus um eine weitere Etage aufzustocken, um dessen künftige Familie zu beherbergen. Angesichts dieser Bedingungen ist es nicht verwunderlich, dass Arbeit für die Frauen eine Last ist, die sie so schnell wie möglich wieder los sein wollen.

Heute hat die Struktur der arabischen Arbeiterinnenschaft die Form einer umgedrehten Pyramide. Von der Minderheit, die Arbeit hat, sind 70 % freiberuflich in der Bildung tätig, im Gesundheitsbereich oder der Sozialarbeit, während die übrigen 30 % als Ungelernte arbeiten in der Industrie, der Landwirtschaft, dem Reinigungswesen und anderen Dienstleistungsgewerben.

Schlecht ausgebildete arabische Frauen sind dreifach Opfer: als Araber in einem jüdischen Staat, als Frauen in einer patriarchalen arabischen Gesellschaft und als Ungelernte in einer neoliberalen Wirtschaft.

Die patriarchale Familie

Die patriarchale Familie lebt und gedeiht im arabischen Dorf. Heiraten unter nahen Verwandten sind immer noch üblich und Polygamie ist unter den Beduinen im Negev normal. Die arabische Geburtenrate ist höher als die jüdische. Eine arabische Familie besteht aus durchschnittlich 4,9 Personen, eine jüdische aus 3,1. Scheidung bedeutet für eine arabische Frau, zu ihren Eltern zurückzukehren, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Kinder verliert, ist hoch. Eine geschiedene Frau trägt ein Schandmal. Dass sie allein lebt, gilt als unschicklich, und gewöhnlich kann sie die Miete sowieso nicht aufbringen. Mord zur Rettung der „Familienehre” ist noch üblich. Diese Bedingungen sind sozialem oder politischen Handeln von Frauen kaum dienlich.

Die starke, patriarchale arabische Familie kam israelischen Regierungen immer als Mittel Recht, um die arabische Gesellschaft zu beherrschen und sie in einem Zustand der Rückständigkeit zu halten. Eine wichtige Rolle beim Erhalt des patriarchalen Systems spielt seit jeher die geografische Trennung von Juden und Arabern, eine Art stiller Apartheid. Etwa 92 % der Araber in Israel leben in eigenen Dörfern. Diese Isolation verhindert das Eindringen der mit der Urbanisierung einhergehenden Einflüsse. Sie verhindert eine Modernisierung, die den Zugriff der Großfamilie schwächt. Schlimmer noch, es gibt in Israel keine Zivilehe. Ehen unterliegen der religiösen Gerichsbarkeit. Auch dies erhält die Trennung aufrecht.

Doch das ist noch nicht alles. Der israelische Staat stellt den arabischen Dörfer immer weniger öffentliche Dienstleistungen zur Verfügung. Damit sind arabische Bürger gezwungenermaßen von der Großfamilie abhängig. Die Bodenknappheit (ein Ergebnis israelischer Politik) ist so groß, dass junge Leute im Dorf in der Regel keine Wohnung mieten können. Erwägen sie den Umzug in eine jüdische Stadt, müssen sie mit Diskriminierung und erhöhten Lebensunterhaltskosten rechnen. Daher haben junge Paare kaum eine andere Wahl, als in einem Obergeschoss der Großfamilie zu leben und die Herrschaft des Familienpatriarchen hinzunehmen.

Höhere Bildung würde zu höherer sozialer Mobilität führen, doch die große Mehrzahl der Araber ist schon viel früher bewegungsunfähig gemacht. Innerhalb des staatlichen Bildungssystems nehmen ihre Schulen den letzten Platz ein, Privatschulen sind für die meisten zu teuer.

Es stimmt also, dass die patriarchale arabische Familie der arabischen Frau konservative Normen auferlegt. Doch dies gilt nur, wenn die Arbeit nicht organisiert und zudem schlecht bezahlt ist. Bekäme jeder Land- oder Fabrikarbeiter den monatlichen Mindestlohn von 3.700 NIS sowie die gesetzlich vorgeschriebenen Sozialleistungen, würde sich die Einstellung gegenüber erwerbstätigen Frauen wohl ändern.

In den gemischten Städten – Tel Aviv-Jaffa, Haifa, Ramle, Lod und Akko – , wo 4 % der arabischen Frauen leben, ist die Haltung eine andere. Obwohl die Bevölkerungsgruppen innerhalb dieser Städte voneinander getrennt leben, gibt es mannigfaltige Erwerbsmöglichkeiten in Wohnsitznähe. Fast die Hälfte der arabischen Bewohnerinnen dieser Städte ist erwerbstätig.
Hätten Araber die Freiheit zu leben, wo sie wollen – in jeder Stadt, jedem Moshav oder Kibbutz – mit anderen Worten: gäbe es eine echte Integration, dann würden Urbanisierung und Modernisierung die Rückzugs- und Isolationstendenzen überwinden.

Die Rolle des Workers' Advice Center

In konservativen Gesellschaften ist es Aufgabe der Frauen, den Werten durch ihr Betragen Ausdruck zu verleihen und sie so von einer Generation an die nächste weiterzugeben. Wird eine Gesellschaft jedoch aufgerüttelt, können Frauen die treibende Kraft zur Veränderung werden.

Es ist nicht möglich, die arabische Familie hermetisch gegenüber der Außenwelt abzuriegeln. Als z.B. während der 1970er und 1980er mehr Frauen erwerbstätig waren, stieg das durchschnittliche Heiratsalter der Frauen und die Geburtenrate sank. Wie alle anderen sind arabische Frauen mit Konsumkultur und westlichen Werten vertraut. Sie sind sich der Kluft zwischen ihrer finanziellen Lage und der ihrer jüdischen Nachbarn schmerzlich bewusst. Sie leiden unter diesem Widerspruch, doch er lässt sich nicht auflösen, wenn sie in unterentwickelten Dörfern ohne Aussicht auf eine befriedigende Erwerbstätigkeit festsitzen. Solange die Möglichkeiten vorwärts zu kommen dahinschwinden, neigen die Frauen dazu, Gleichheit und sozialen Fortschritt abzulehnen. Kann man die Trauben nicht erreichen, müssen sie sauer sein.

Gelegentlich räumt die israelische Regierung die Diskriminierung ein und erklärt, sie wolle ihr Vorgehen ändern. So z.B. im Bericht des Staatlichen Rechnungshofs von 2001 und im Bericht des Orr-Komitees. Beide waren eine Reaktion auf die Oktober-Intifada. Doch ihre Empfehlungen waren nur Papier. Auch das Finanzministerium räumt jederzeit ein, dass der Mangel an Erwerbsmöglichkeiten für arabische Frauen die Hauptursache arabischer Armut ist. Alle wissen, dass der Import von Migranten diese Situation stabilisiert. Im Februar 2008 veröffentlichten das Finanzministerium und die Bank von Israel ein Programm, mit dem die Zahl der Arbeitsmigranten um 100.000 gesenkt werden soll. Doch Programme sind eine Sache, die Realität eine andere.

Kurz gesagt, es gibt ein Muster. Die Hauptkräfte im Leben arabischer Frauen verbünden sich zu deren Unterdrückung: die patriarchale Familie, die Dorfgemeinschaft, der Arbeitsmarkt, die neoliberale Regierung und die Globalisierung. Um dieses System zu durchbrechen, müssen die Frauen sich organisieren und an dieser Stelle kommen das Workers Advice Center (WAC) und sein Frauenforum ins Spiel. Wir nehmen Armut und Erwerbslosigkeit nicht als von oben angeordnet hin. Armut zwingt arabische Frauen in die Erwerbstätigkeit und ihre Rechte müssen geschützt werden. Tatsächlich müssen ihnen diese Rechte bewusst gemacht werden. Ausbeutung, schlechte Bezahlung und die Geringschätzung niedriger Tätigkeiten halten die meisten arabischen Hausfrauen davon ab, Arbeit zu suchen. Unsere Zielgruppe sind gerade die unsichtbaren Frauen, jene Hunderttausende ohne Ausbildung, sie wollen wir in Arbeit bringen. Dies ist ein wichtiger, wenn auch nicht ausreichender Schritt, um Selbstbestimmung und ein Bewusstsein, für die eigenen Fähigkeiten, zu erlangen. Landwirtschaft bietet sich an: sie kann Tausende von Frauen aufnehmen.

Durch Vermittlung des WAC finden Hausfrauen Arbeit zum gesetzlichen Mindestlohn und ihre Rechte werden geschützt. Sie nehmen an Empowerment-Kursen für Frauen teil. Wir versuchen sie als Gewerkschaftsaktivisten zu schulen, damit sie ihre Erfahrung nutzen und andere Frauen in die Organisation holen können. Auf diesem Weg kann das Muster durchbrochen werden, in einem Dorf nach dem anderen. Dieser Bruch bedeutet für die finanzielle Lage und den sozialen Status der Frauen, für ihr Selbstverständnis und ihre Weltanschauung eine Revolution. Diese Revolution kann eine weitere nach sich ziehen, nämlich in der Haltung der Männer gegenüber Frauen. Sie kann sogar israelische Juden aus ihrer Gleichgültigkeit aufrütteln. Sie kann Solidarität schaffen unter den Opfern des Neoliberalismus, unter Männern und Frauen, Juden und Arabern. Letztlich kann sie einen heilsamen Dialog zwischen arabischen und jüdischen Gemeinschaften fördern.

Als wir diese Idee praktisch ausprobierten, haben uns zumindest die Frauen nicht enttäuscht. Hausfrauen, Mütter von vier Kindern und mehr, Frauen von 30, 40 Jahren, die seit ihrer Eheschließung nicht mehr erwerbstätig gewesen waren, beschlossen, ihr Leben einer radikalen Veränderung zu unterwerfen. Es war nicht leicht, sie davon zu überzeugen, dass sie sowohl erwerbstätig sein, als auch den Haushalt bewältigen könnten. Aufgrund ihrer Erfahrungen konnten sie sich nur schwer vorstellen, dass sie durch das WAC den gesetzlichen Mindestlohn verdienen und umfassenden Rückhalt gegenüber dem Arbeitgeber bekämen. Doch die Notwendigkeit, über die Runden zu kommen, erwies sich als entscheidend. Vor zwei Jahren, im März 2006, nahmen die ersten Frauen von Kufr Qara die Arbeit auf.

Vor Morgengrauen stehen sie auf, bereiten alles vor, was die Kinder für die Schule brauchen, gehen arbeiten, erfüllen die Anforderungen der Farmer, kehren nach Hause zurück, putzen, helfen den Kindern bei den Hausaufgaben, bereiten die Mahlzeiten für den kommenden Tag und machen die Wäsche. Das ist kein Zuckerschlecken, doch jene, die diese Kunst beherrschen, halten die Fahne des Werts organisierter Arbeit hoch. Ihre finanzielle Situation bessert sich. Sie können die Kinder für Nachmittagsaktivitäten anmelden. Sie können sich einen Zahnarzt leisten oder einen Computer kaufen. Sie kommen auch aus dem Haus, treffen andere Frauen, sprechen mit dem Chef Hebräisch. Kurz gesagt, sie beginnen Einfluss zu nehmen auf jene Kräfte, die bis dahin ihr Leben beherrscht haben. Sie bekommen ein Gefühl für ihren eigenen Wert und sie merken, dass die Leute sie anders anschauen. Sie genießen es auch, sich einmal in der Woche nach der Arbeit beim Empowerment-Kursus zu treffen, ihr Leben aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit neuem Verständnis zu betrachten.

Februar 2008. Khittam Na’amneh, WAC, unterrichtet Gewerkschaftsaktivistinnen im Kufr Qara Zentrum. Foto: Challenge

Diese Empowerment-Gruppen, die unser Frauenforum organisiert, unterscheiden sich von anderen darin, dass alle Teilnehmerinnen Arbeiterinnen sind, manchmal auf derselben Farm. Diese Gemeinsamkeit hat eine Dynamik von Nähe und Vertrauen geschaffen. Das Forum ist auch der Rahmen, konservativen Haltungen, z.B. über Kindererziehung, entgegenzutreten und Vorurteile zu überwinden.

Arbeiter des WAC begegnen anderen Welten auf verschiedenen Wegen. Sie empfangen internationale Delegationen von Landarbeitergewerkschaften, sprechen mit ihnen und erfahren, was in anderen Ländern geschieht. Am Internationalen Frauentag und am 1. Mai tragen sie ihre Forderungen ins Herz von Tel Aviv, wo sie jüdische Israelis treffen, die mit ihnen solidarisch Seite an Seite stehen, auch jüdische Frauen, die unter der Regierungspolitik leiden. Jüdische und arabische Künstler stiften Gemälde für unseren alljährlichen Kunstbasar, dessen Erlöse für die arabischen Farmarbeiterinnen des WAC aufgewendet werden. Dichter besuchen ihre Dörfer, lesen auf Hebräisch und Arabisch. Die Frauen erleben Kunstformen, die ihnen bislang unbekannt waren. Durch all diese Begegnungen wird ihr Kampf vielseitig und konkret. Die Künstler und Dichter ihrerseits erleben einen Aspekt des arabischen Bevölkerungsteils, den sie nicht oft zu sehen bekommen.

Auf jede arabische Arbeiterin, die eingestellt wird, kommen zehn, die weggeschickt werden denn die Farmer stellen lieber Thais ein, oder unorganisierte Frauen, die die Subunternehmer herankarren. Trotzdem stieg die Zahl der Farmarbeiterinnen, die dem WAC-Ableger in Kufr Qara beitraten, im Laufe von Monaten auf Hundert. Diese Zahl wäre noch höher, wenn wir mehr Stellenangebote bekämen, denn wir sind bekannt geworden, und viele neue Frauen haben schon bei uns angefragt. Auch in anderen Dörfern der Sharon-Ebene und in Galiläa, bekommen Hausfrauen durch das WAC Arbeit und verändern ihr Leben. Dafür steht z.B. der Artikel von Kamila Zeidan aus Kufr Manda in diesem Heft.

Eine echte Veränderung erfordert, die Pyramide vom Kopf auf die Füße zu stellen: Tausende arabischer Frauen, Zehntausende, müssen die Häuser verlassen um zu arbeiten, gemeinsam mit anderen Arbeitern gewerkschaftlich organisiert, um ihre Familien und Gemeinden aus dem Kreis der Armut und Passivität zu befreien. Die Arbeiterinnen von WAC werden lernen müssen an sich zu glauben und sich aktiv für politischen und sozialen Wandel einzusetzen. Diese Befreiung innerhalb der arabischen Gesellschaft kann den Weg frei machen für eine tiefergehende Solidarität zwischen Juden und Arabern, Männern und Frauen, die sie befähigt, gemeinsame Sache zu machen gegen ihre Ausbeuter. Dies ist nicht mehr unerreichbar. Von dem Moment an, als der israelische Staat die neoliberale Wirtschaft angenommen hat, hat er aufgehört, sich um seine ärmeren jüdischen Bürger zu kümmern, und ein Ergebnis dessen ist der Zusammenbruch der zionistischen Einheit.

In diesem Prozess werden die Arbeiter eine politische Partei brauchen, die ihre Interessen vertritt. Auf der Grundlage gemeinsamer Interessen kann die Gründung einer breiten Bewegung, die Juden und Araber umfasst, Männer und Frauen, Vorurteile erschüttern und die Mauer des Hasses zwischen den beiden Völkern niederreißen.

Doch Veränderungen sind auch abhängig von den internationalen Entwicklungen, besonders von dem Nachlassen US-amerikanischer Kontrolle über die globale Ökonomie und Politik. Er ist abhängig vom Wiederaufflammen des Widerstands sowohl gegen den räuberischen Kapitalismus als auch gegen den Fundamentalismus.

Nichts davon wird über Nacht geschehen, doch die Frauen, die sich heute im WAC sammeln, sind ein Schritt in die richtige Richtung."end"

Fußnoten

1

„The condition of employment of Arab women ages 18-65 for the year 2006," A document of the Director for Research and Economics, Israel's Ministry of Industry, Trade and Employment, January 29, 2008."

2

Israel's Central Bureau of Statistics, Tables 1.2 and 8.1, figures for 2006

3

„The condition of employment …“, a.a.O.

4

„The condition of employment …“, a.a.O.

5

„The condition of employment …“, a.a.O.


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12.10.2008, 11:10